Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1917)
- Article
- Jüdische Volkslieder
- Date
- 1917-02-01
- Page
- 762 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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762 Arno Nadel: des Selbstgeschehens hinzu. — „Af draußen", — also „auf draußen", wieder anschaulich, als wenn das Draußen ein ganzes rundes Ding wäre. — „Besser wollt ich verloren geworen", — ein interessanter Ausdruck für: besser, ich wäre nicht zur Welt gekommen. — „Die Liebe hot mir gekost Gesund und Schmerzen", — eine rasche Ausdrucksweise, eine Zusammenstellung von Worten nämlich, die nur dem Gefühle nach, nicht dem logischen Sinn nach zusammengehören. Gemeint ist: es kostete mich meine Gesundheit, wobei ich viel Schmerzen litt; dennoch wird beides zusammengetan, als wenn beides nebengeordnet wäre. Solche Betrachtungsweise könnte auf den ersten Anschein etwas pedantisch aussehen. Dieser Vorwurf wäre aber unangebracht, da aus Momenten, wie wir sie herausheben, das Charakteristische einer Sprache sich zusammensetzt. Eine Psychologie des Jiddischen im kleinen wird gewissermaßen angebahnt. — Wenn man nun auf diese Wildheit und auf diese rasche Ausdrucksweise hin das Jiddisch untersucht, wird man über die Menge gerade dieser Merkmale nicht wenig erstaunt sein. Woraus sich wiederum vieles erklären läßt, — vor allem der Mangel an Form und die damit zusammenhängende Lebhaftigkeit und Leidenschaftlichkeit der Sprachmelodie. Zu diesen Kennzeichen gehört auch eine leichtsinnige Satzbildung, wie die in der vorletzten Zeile des Liedes: „Wemen es is vorgekumen a falsche Liebe", gemeint ist natürlich: wer eine falsche Liebe erlebt hat; aber der Ausdruck wird hergenommen, wie er gerade kommt, so wenig kommt es dem Juden auf die Exaktheit des Wortes an und so viel auf das Gefühl für das Wort, das heißt, auf seine eingänglich unmittelbare Bedeutung. Indirekt fällt auch mit diesem Triebe die orientalische, oft alogische Bildhaftigkeit zusammen. Aber da verlassen wir bereits unser eigenstes Gebiet und gehen unversehens zum Hebräischen über. — Daß aber das Wort als Wort dem Jiddisch-Sprechenden so gut wie nichts bedeutet und daß ihn nur die Weise angeht, sehen wir wohl nirgends so gut wie in der letzten Zeile der zweiten Strophe, wo durch ein Apostroph ein ganzes zweisilbiges Wort ersetzt wird: „a's" für „a kleines". „Wind, a Wind" und „Kind a's Kind" sind selbstverständlich das Ergebnis der gesungenen, nicht der gedichteten Zeile. Dennoch wäre ein ähnliches Beispiel wie „a's" in einer anderen Sprache schwer zu finden. Ein schönes Lied hab ich gesungen. A weile Lied hob ich arausgegeben, Sie kost mir Thrären mit viel Schmerz; Wer es hot varbracht a falsche Liebe, Der konn fihlen main Weihtag vun main Herz! Ich schelt dem Tog vun main Geboren, Ich schelt ihm bis azynd; Besser wollt ich gewen varloren As ich bin gewen a klein Kind! (Übertragung.) Ein schönes Lied hab ich gesungen, Es kostet mich Tränen und Schmerzen. Wer eine falsche Liebe hat durchgemacht, Der wird fühlen das Weh von meinem Herzen. Ich fluche dem Tag, an dem ich geboren, Ich fluche ihm bis zur Stund, Besser, ich wäre gänzliph verloren, Als ich noch gewesen ein Kind.