Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1917)
- Article
- Jüdische Volkslieder
- Date
- 1917-02-01
- Page
- 761 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Volkslieder 761 Spazieren, spazieren sainen mir gegangen, Af draußen is gewen a Moro-sch'cheire; — Ot geiht men schoin vun main Heim, mi wet mir dersehn! — Duschenje, far wemen hostu Meire! Ich schelt dem Tog vun main Geboren, Besser wollt ich varloren geworen! Besser wollt ich varloren geworen, Eider ich hob dir derkonnt! Nit mein, nit mein, as dos wet dir sain g'roten, Mir zu leigen a junge in der Erd! Neikem wet sich mit dir sain der Ssot'n, Du west nit hoben bai kein Mentschen kein Werd! Wos a Waile un wos a Rege Seh ich dir mit a zweite gehen; Stechen wel ich sich mit a Messer, — Maine Eigen sollen die Zores nit sehen! — Nit stech sich, Duschenje, mit a Messer, Nit stech sich, Duschenje, mit a Messer, Ich well mit Mas'l a Choss'n weren, Un dir wet Gott auch wemen bascheren! Spazieren, spazieren sind wir gegangen, Da draußen tiefe Finsternis lag. — Da kommt wer von uns, man wird uns sehen! — Mein Seelchen, wen fürchtest du, sag! Ich fluche dem Tag, an dem ich erstand, Besser ich wäre von Anfang verloren, Besser ich wäre garnicht geboren, Ehe ich dich jemals gekannt. Glaube nicht, glaube nicht, es wird dir geraten, Meiner Jugend ein Grab zu graben, Rächen wird mich an dir der Satan, Wirst bei Menschen keinen Wert mehr haben. Jedes Weilchen und jeden Augenblick Seh ich dich mit einer Andern gehen. Stechen werd ich mich mit einem Messer, Meine Augen sollen kein Leid mehr sehen. Stich dich nicht, Seelchen, mit einem Messer, Stich dich nicht, Seelchen, mit einem Messer, Ich werde mit Glück ein Bräutigam werden, Und dir wird Gott ebenfalls jemand bescheren. A naie Lied wel ich aich, Mentschen, singen — Die Liebe hot mir gekost Gesund mit Schmerzen; Wemen es is vorgekummena falsche Liebe, Jener soll kummen zu main bittern Herzen! Ein neues Lied werde ich euch, Manschen, singen, Die Liebe hat mich gekostet Gesundheit und Schmerzen. Wenn einer falsche Liebe empfunden, Er komme zu meinem bitteren Herzen. Ginsburg und Marek No. 185. — Zum Jargon des Liedes, und bei dieser Gelegenheit zum Jargon, zum Jiddisch überhaupt, sei noch folgendes bemerkt, damit der Text, was bisher nur selten geschehen ist, auch von dieser Seite betrachtet werde. „A Cholem hot sich mir gecholemt, a Cholem hot sich mir ausgedacht", um wieviel mehr ist die Passivität des Träumenden hier betont als im Hochdeutschen! Es hat sich mir geträumt, das heißt: es geschah etwas mit mir. „Es träumte mir" ist noch am ähnlichsten, aber das „sich" tut viel zur Andeutung Heft ix. 53