Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1917)
- Article
- Der Pinkes
- Date
- 1917-02-01
- Page
- 757 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Pinkes 757 Mit der bisherigen primitiven Art, sich der bloßen Tatsache der Herausgabe von Volksliedern zu freuen, ohne Prüfung, wie sie besorgt wurde, gibt sich der Pinkes nicht zufrieden. Wilenski weist dem im ganzen gewiß verdienstvollen Nojech Prilutzki nach, daß er in seiner Volksliedersammlung viele den Sammler zur Zurückhaltung und Vorsicht drängenden Erwägungen außer acht gelassen habe, und sondert von Prilutzkis massenhaftem Material die überwiegende Mehrzahl als nicht zum Volkslied gehörig ab. Sicherlich geht er in seinem Urteil und auch in der Behauptung, daß nurdreißigdervonPrilutzki im ersten Band mitgeteilten 102 Stücke dem Volkslied angehörten, zu weit. Da aber die von ihm erhobenen grundsätzlichen Bedenken gegen den seitdem erschienenen 2. Band der Sammlung nach meiner Erfahrung aufrecht erhalten werden müssen, ist es verdienstvoll und wichtig, daß hier einmal eine strenge und ausführlich begründete Forderung nach mehr solider Arbeit und Sachkenntnis an die Mitstrebenden gestellt worden ist. VI. , Der Registrator würde von einer weiteren Zahl lesenswerter Arbeiten zu berichten haben,, von Aufsätzen zur Geschichte des Jiddischen und seiner jüngsten Publizistik, von Memoiren und einigen anderen Dingen, die sich etwas zufällig und nicht eben notwendig mit den innersten Absichten des Buches verbunden, im Pinkes vorfinden, während zur Kritik des jiddischen Kunstwerks, die in Anbetiacht ihres bisherigen Tiefstandes längst zu einem Einschreiten herausfordert*), im Pinkes kaum etwas Erhebliches gesagt wird. Es war aber von den Herausgebern geplant, das Buch alljährlich erscheinen zu lassen und vornehmlich die literarischen Geschehnisse des verflossenen Zeitraums, neben alten Quellen und rein Philologischem zu behandeln. Damit war von vorneherein eine Begrenzung notwendig, die es nicht erlaubte, aus den Erscheinungen der Zeit die problematischsten hervorzuholen und das Buch nur im Hinblick auf deren Dringlichkeit anzulegen, wie es diese Besprechung ihrerseits erstrebt. Man kann gegen die von ihr geübte Beurteilung der geistigen Situation bei den Ostjuden sicherlich einwenden, sie gebe den im Westen immer wachen und ungezügelten Abneigungen gegen die Volkskultur neue Nahrung. Ja, aus einem andern Gedankengang heraus wird man mir zu Recht entgegnen, daß, verglichen mit der Kulturbreite in den Westländern, die ostjüdischen Massen recht leidlich dastehen und das hier Gegeißelte meine immer wieder nur die Sünden der Gebildeten. Man wird mir zudem erwidern, daß auch in Westeuropa Zeitung und Volksversammlung keine Kulturinstitute sind und die allgemeinen Begriffe über das Künstlerische und *) Man muß es noch immer über sich ergehen lassen, daß an den Tagen, da die Volksmassen um ihre Großen trauern, geschwätzige Menschen vom Rednerpult herab den Dichter wie irgend eine leblose, dumme Funktion des Sozialen oder gar des Ökonomischen (Mendale) behandeln und mit einem Schwall von Dialektik — wer kennt nicht das eine Charakteristik ersetzen wollende Ausspielen Schülern Aleichems gegen Mendale? — über die eigene Entfremdung von allem Künstlerischen hinwegzutäuschen versuchen. Niederstimmender ist aber, daß auch die geschriebene Kunstbetrachtung im Jiddischen noch keine einzige beachtenswerte Leistung aufweist. Man lese des Bal-Machschuwes Vorrede zu der jiddischen Lyrik Bialiks, um das Unzulängliche typisch vertreten zu finden. Da gibt es zwanzig Seiten unerquicklich sentimentaler Ergüsse über des Dichters Seele, über seine Gefühle und seine Stimmungen, aber nicht ein Wort zur Sache, zum Kunstwerk selbst.