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Der Jude · 1917-02-01 · Heft 11 (Februar 1917) · p. 758

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 11 (Februar 1917)
Article
Der Pinkes
Date
1917-02-01
Page
758 (sequence 9)
Language
German
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758 Fritz Mordechai Kaufmann: Der Pinkes das Kulturelle in unangenehmer Verspießerung noch anmaßender als bei den Ostjuden. Aber solche nicht unrichtigen Einwände würden nur kundtun, daß, die sie erheben, an die jüdische Volksbewegung gar zu lässige und bequeme Forderungen stellen. Wenn von den westjüdischen Intellektuellen vor aller weiteren Entscheidung das Schwere und schier Unmögliche einer vollkommenen Heimkehr als erster Akt ihrer Betätigung im Nationalen verlangt wird, dann darf man von ostjüdischen Gebildeten nicht das Zahme heischen, sie möchten ihre Aufgaben so recht und schlecht erfüllen, wie das auch anderswo in Europa Intellektuelle tun. Da sie mit jedem Handeln außerordentlicher Vergangenheit und unermeßlicher Zukunft verpflichtet sind, ist von ihnen eine gesteigerte geistige Leistung zu fordern. Solche Forderung; die ein anderes Gesicht trägt als Parteiprogramme, ist bisher kaum aufgestellt. Noch haben es erst Einzelne im Bewußtsein, daß der tiefere Sinn unserer Volksbewegung außerordentliche Werke sind und nicht die ins Äußerliche erfolgende Zielsetzung der Völker von gestern und ehegestern. Man hat in neuerer Zeit, als man den Atob'chartonu-Standpunkt der verschiedenen europäischen Imperialismen in seiner Anmaßung belächeln lernte, vermeint, damit wäre auch unser Glaube an die eigene hohe Berufung erledigt. Wer aber die Bereitschaft zu jüdischen Werken und Taten nicht in sich wiederfindet, der mag sie uns und dem Volk nicht absprechen. Denn wir sind nicht mehr wie das erste Geschlecht, das aus Europa überwunden und niedergebeugt in die jüdische Gasse heimwollte. Wir können uns nicht damit begnügen, eine Zeitung, eine Schaubühne, eine Öffentlichkeit, einen Lebensstil zu haben so schlecht und schlechter noch als die andern. Mag es inmitten unserer armseligen, elenden Gegenwart und angesichts der argen leiblichen und politischen Nöte wie Vermessenheit klingen: wir müssen zuerst das Geistige tun und das unmöglich Scheinende, müssen mit einem harten, wachen Willen unserer jungen Volkskultur endlich den Ernst und die Wahrhaftigkeit geben, daß sie der alten würdig wird. Für den Osten sind wir der schlimmsten Besorgnis enthoben. Der nach innen gerichtete Kampf, der dort seit Jahren zum Austrag kommt, wird weiterhin nicht mehr an den äußerlichsten Schlagworten haften. Dort drängen die vergrabenen Dinge aufwärts — wer davon ein Zeichen gewahren will, mag ihnen im Pinkes nachspüren. Die laute Verhetzung, der unbrüderliche Kampf, das brutale Ausnutzen der den Tag nicht überdauernden Zufallssituationen — was immer bisher verwirrend bis in die nationaljüdischen Zeitschriften des Westens hereindrang und das Wesentliche verhüllte, wird das reinere, stärkere Neue nicht mehr niederhalten. Für den Westen aber ist nach vier Jahrzehnten nationalisierender Arbeit noch alles zu tun. Berlin Fritz Mordechai Kaufmann

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