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Der Jude · 1917-02-01 · Heft 11 (Februar 1917) · p. 756

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 11 (Februar 1917)
Article
Der Pinkes
Date
1917-02-01
Page
756 (sequence 7)
Language
German
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756 Fritz Mordechai Kaufmann: daß Dr. Pines, ohne Kenntnis der Quellen und ohne Instinkt für Probleme die landläufigen Fehlmeinungen wiederholend, eine wenig geschickte Kompilation, nicht aber Literaturgeschichte geschrieben hat. Noch nie ist in der jiddischen Literatur so sachkundig und überlegen gewertet worden» Man mag die tadelnden Stellen herausnehmen, und es bleibt doch ein gescheiter und tiefschürfender Versuch über die Frühzeit des jiddischen Schrifttums. Westlichen Juden hat die umfangreiche Arbeit etwas Besonderes zu sagen. Sie breitet vor ihnen die alten Literaturdenkmäler, die als stattlicher Unterbau das heutige Jiddische tragen, übersichtlich und lebensvoll aus und erschüttert durch ihre wertvollen Materialien die leidige Meinung von dem Ephemeren der Volkssprache mehr als jede noch so verständliche leidenschaftliche Geg enwendung. Diese Vorzüge Bai Dimiens stellen sich in Nigers Versuch über die Beeinflussung der jiddischen Literatur durch die Frau ganz ins Aufbauende gekehrt dem Leser dar. Daß die Frau und der Am-ho'urez formbildend an den Anfängen unserer Volkssprache stehen, war bereits seit langem behauptet worden. Niger spürt diesen verwickelten Verhältnissen recht behutsam nach. Er begnügt sich nicht damit, die These in ihren Übertreibungen zurückzuweisen — er umgrenzt die von der Frau ausgehenden Einflüsse und schöpferischen Anstöße im einzelnen an einer Fülle seltener alter Texte. Nachdem er das Überwiegen der biblisch-hagadischen Stoffe über die männlich-halachischen eingehend dargetan hat, geht er feinfühlend auf den innersten Stil des frühen Jüdisch-Deutschen ein und stellt erfolgreich die knappen maskulinen hebräischen Texte ihren intim in die Breite erzählenden jiddischen Auslegungen gegenüber. Der Aufsatz schließt mit einer Zusammenstellung älterer Schriften, in denen die Frau auch unmittelbar, als Verfasserin oder übersetzend produktiv geworden ist. Wendet man sich noch einmal den kritischen Arbeiten des Buches zu, so hat man, wieder als Anzeichen einer gereifteren geistigen Beziehung zu den jiddischen Dingen von Wilenskis Besprechung zweier Sammlungen jiddischer Volkslieder zu reden. Die im Volksmund noch immer lebendige und weiterwirkende alte jüdische Folklore wird erst seit wenigen Jahren reger und fachmännisch gesammelt. Von der Gesellschaft für jüdische Volksmusik ist bereits viel von unserm Volkslied dem Vergessenwerden entrissen worden — das liegt jedoch erst zum geringsten Teil im Druck vor. Die wissenschaftliche Bearbeitung ist aber dadurch besonders bedroht, daß von einzelnen oberflächlichen und von anderen ernsteren, aber durch die erste Sammlerfreude verleiteten Schriftstellern die häufig wahllos zusammengebrachten Ergebnisse ihrer Tätigkeit ungesichtet und frühfertig auf den Büchermarkt geworfen wurden. Forscher von der Beharrlichkeit und Selbstkritik des I. L. Kahan, der sich erst nach zehnjähriger Bemühung zur Veröffentlichung entschloß und allerdings recht reife Dinge bot, sind bei uns noch selten. Die sich Kritiker Nennenden vergrößerten die Verwirrung und haben auch das Überflüssige ohne Unterscheidungsvermögen geräuschvoll willkommen geheißen. Auf solche Weise sind eine Anzahl Bänkelgesänge, badchunische und mehr oder minder schwächlich dem Volkslied nachempfundene Dinge im Westen wie echte Volkspoesie der Ostjuden angesprochen worden — noch jüngst in dieser Zeitschrift durch Moses Calvary —, wodurch von der wirklichen Leistung unseres Volksschaffens ein ungebührlich matter Eindruck hinter bleiben mußte.

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