Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1917)
- Article
- Der Pinkes
- Date
- 1917-02-01
- Page
- 755 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Pinkes 755 leger über seine Dichtungen her. Sie setzten unter einem Aufwand von Reklame, die bis in die ernsten jiddischen Zeitungen Aufnahme fand, eine Jubiläumsausgabe ins Werk, die durch die Unterlassung jeder literarischen Anordnung, durch das Lieblose im Satz, der von Druckfehlern wimmelt, im Papier und in allem Buchtechnischen einen schamhaften und sich für sein Volk verantwortlich fühlenden Menschen nicht ruhig lassen durfte. Die Verleger schienen aber nicht befürchtet zu haben, es könnte sich in der jüdischen Gasse ein Widerspruch hören lassen. Dem Volk war so lange das Unzureichende, Kulturwidrige geboten worden, ohne daß die Gebildeten dagegen aufstanden, — warum sollte diesmal die geschäftliche Spekulation mißglücken? V. Nach dem, was im Vorstehenden über das gar zu lange Fehlen einer besonnenen und geistig gerüsteten Oberschicht bei den Ostjuden angedeutet worden ist, wird man sich mit einer begreiflichen Spannung den kritischen Arbeiten des Pinkes zuwenden. Die erwünschte gegnerische Einstellung gegen die unerbetenen Mitkämpfer im eigenen Lager, gegen die Dilettanten und Tagesschreiber hatte sich bereits um das Jahr 1912 in der Wilnaer Monatsschrift ,,Die Jüdische Weit" bedeutsam angezeigt. In dieser führenden Zeitschrift des Ostens war das geistige Niveau der innerjüdischen Auseinandersetzungen merkbar erhöht worden; es ist hier nicht der Ort, darzutun, wie tapfer sie dem Pinkes, der dem Kreis der gleichen Menschen entstammt, vorgearbeitet hat. In ihr legte bereits die junge Volksbewegung an die eigenen Leistungen, ob sie nun auf gesellschaftlichem, politischem oder künstlerischem Gebiete stattfanden, ihren Maßstab so streng und unerbittlich, wie man das vorher in dem zujubelnden Lärm der leicht zufriedengestellten Halbgebildeten nicht gewohnt war. Diese reifere Gesinnung bringt es in Bai Dimiens Besprechung der von Dr. M. Pines geschriebenen Geschichte der jiddischen Literatur zu einer prachtvollen Leistung. Dr. Pines* Buch ist bei seinem Erscheinen im Jahr 1912 von den ostjüdischen Beurteilern als eine bedeutsame wissenschaftliche Tat gefeiert worden. Bai Machschuwes, ein Literaturkritiker, der bei ostjüdischen Gebildeten noch immer auf Geltung rechnen darf, hat es mit anerkennenden Sätzen bevorwortet —- es geschah, wie bei den meisten Äußerungen dieses Mannes, ohne Sachkenntnis und im Oberflächlichen verbleibend. Danach hat der vor einem Jahr gefallene Georg Hecht das Buch, das natürlich eine Anzahl wissenswerter Materialien enthält, vorschnell und ohne fachmännische Einsicht in seine Mängel für deutsche Leser bearbeitet und damit eine Anzahl neuer Irrtümer in das deutschjüdische Schrifttum hineingetragen. Bai Dimiens kritischer Versuch über diese Literaturgeschichte bezeichnet deutlich den Wandel. Hier findet sich kein Buhlen um den unentwickelten Leser mit allgemeinen, ausweichenden Redensarten. Der Kritiker prüft die Arbeit bis in ihie letzten gegenständlichen und gedanklichen Verästelungen. Der Tummelplatz der Ignoranten, das ältere jiddische Schrifttum wird vorsichtig und doch mit der sicheren Beherrschtheit des Wissenden betreten. Der diesen Dingen fernstehende Leser schaut da hinein wie in die Küche des Alchymisten, so absonderlich und zur Neugierde reizend wirken die alten Schriftdenkmäler, die Bai Dimien erschließt. Aus zahlreichen klugen und schönen Einzelbemerkungen ergibt sich gegenständlich,