Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1917)
- Article
- Der Pinkes
- Date
- 1917-02-01
- Page
- 754 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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754 Fritz Mordechai Kaufmann: Taten der Volksdichter entspricht, und als Ausdrucksmittel der vielen neuen technischen, gedanklichen und seelischen Beziehungen das längst vorliegende und der Benutzer wartende alte Sprachgut erschöpfend zu verarbeiten, so daß das Neue nicht wie heute aufgepropft, als ein Fremdes, aus üblem wissenschaftlichem Allerweltsjargon Zusammengerafftes aus der Sprache herausfällt, sondern aus den formbildenden Tiefen des Sprachwillens in das Leben hineinwächst. Zwar wird die zu vereinheitlichende Rechtschreibung des Jiddischen sicherlich anders aussehen, als Borochow sie in seinen Aufsätzen durchgeführt hat, — sie wird unmöglich von der littwischen Sprechart ihr einseitiges Gesetz empfangen. Aber diese zu weit gehenden Wünsche nötigen zur Erörterung und die Erkenntnis ihrer Übertriebenheiten führt zu glücklicheren Versuchen. Ein solcher war von Tschemerinski in seiner Arbeit über die Phonetik des Jiddischen beabsichtigt, in der Erkenntnis, daß vor der endgültigen Klärung der phonetischen Probleme das Weitergehende, die Regelung der Orthographie der Willkür ausgeliefert wird. Es verschlägt wenig, daß unanfechtbare Ergebnisse hier noch nicht geboten werden — Borochow nimmt selber in einem Nachwort zu Tschemerinskis praktischen Vorschlägen durchaus ablehnend Stellung —; es sind aber diese Fragen mit soviel gründlicher Gewissenhaftigkeit behandelt, wie das bisher, wenn in jiddischer Sprache über Jiddisch geschrieben wurde, kaum einmal geschah. Dieses zielbewußte Streben nach fachmännischer Solidität muß, wenn es überhaupt vorhanden ist, in den registrierenden Teilen des Buches, wo es von der Leidenschaftlichkeit der eigenen Bestrebungen nicht durchkreuzt wird, am ersichtlichsten in Erscheinung treten. Die durchaus lesenswerten und zuverlässigen Chroniken über das Theaterjahr 1912 auf der rußländischen und amerikanischen jiddischen Bühne treten hier gegen Borochows überraschende Aufstellung einer Bibliothek des jiddischen Philologen etwas in den Hintergrund. Ohne daß auf Vollzähligkeit Anspruch gemacht wird, hat Borochow mehr als 500 Schriften und Aufsätze, die sich mit der Erforschung der Volkssprache abgeben, zusammengestellt und die meisten unter Beigabe einer knappen Abschätzung bibliographisch genau bezeichnet. „400 Jahre jiddischer Sprachforschung*' heißt es im Untertitel. Gegenüber der landläufigen Meinung, es im Jiddischen mit einer wissenschaftlich ungepflegten und darum jede Verhunzung gestattenden Erscheinung zu tun zu haben, wirkt diese erstmalige Zusammenfassung trotz geringer sich vorfindenden Spreu besonders lehrreich. Nicht ganz so repräsentativ stellt sich Schalits Bibliographie des im Jahre 1912 erschienenen rußländisch-jiddischen Druckwerks dar. Es ist darin das in Amerika, Galizien, Rumänien und anderswo Gedruckte nicht berücksichtigt; sie gibt aber dort, wo das Unzulängliche, noch schlecht Bestellte des jiddischen Büchermarktes deutlich herausspringt, einen festen Anhalt für den schrittweisen, weiteren Kampf, der von einer volkstreuen Intelligenz in großzügiger verlegerischer Arbeit gegen den Schund und die Amerikanisierung zu führen ist. Mit einem der schlimmsten Verstöße, die jüdische Verleger begangen haben, wird bereits in diesem Band erfreulich scharf abgerechnet. Als der außerordentliche Mann, der die jiddische und hebräische Dichtung zu einer neuen Höhe erhoben hat, sechs Jahrzehnte dichterischen Schaffens vollendet hatte, und das Volk ehrfürchtig und dankbar Mendales Namen feierte, machten sich geschäftige Ver-