Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1917)
- Article
- Der Pinkes
- Date
- 1917-02-01
- Page
- 752 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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752 Fritz Mordechai Kaufmann: wirr und selten geordnet ins Leben drängten, auf eine kräftige und würdige Art in Form und Regel gebracht. Dem Wollen der jungen, volkesfrohen Generation wird entsprochen, das von ihr Erreichte vermerkt und das Erstrebte fest umrissen. Da somit an bereits nachweisbare, aufstrebende Kräfte der Zeit bewußt angeknüpft wird, ergibt sich für den Pinkes ein kollektiver Zug, dessen Besonderheit bald deutlicher erwiesen werden soll. Vor Lesern, denen das Ostjüdische nahezu fremd ist, zwingt er dazu, zunächst nachdrücklich auf das Atmosphärische der Lebenserscheinungen einzugehn, mit denen das Buch - der gemächliche, an Philologisches gemahnende Titel widerspricht dem nur scheinbar — leidenschaftlich verbunden ist. III. Kaum ein halbes Jahrhundert ist es her, daß die Säkularisation der ostjüdischen Gemeinschaft eingesetzt hat, und auch sie erst in den Grenzbezirken. Noch hat kein Geschlecht dem andern die erstrebten neuen Lebensformen gesichert, als ein Besitztum von Dauer übergeben. Die Segnungen alterprobter Bindung wirken noch nicht in diesen Dingen. Nicht einmal ist bisher erreicht eine Annäherung des tragschwachen, unberechenbaren Neuen an die starren, wetterfesten Blöcke der Volkskultur, und das Herüberzwingen ihrer mittelalterlichen Feierlichkeit und ihrer archaischen Wucht in das blasse, dünne Jetzige liegt als schwere Aufgabe vor den Händen der Gestaltenden. Mit dieser Jugendlichkeit des Heutigen, die uns vor Europa armseliger erscheinen läßt als wir sind, müßte man sich abfinden, wenn nicht Schlimmeres vorläge. Bis in die letzten Jahrzehnte haben die jüdischen Gebildeten in ihrer Mehrzahl an den Kämpfen für eine verjüngte, volkstümliche Kultur einen Anteil genommen, so negativ und zerstörerisch, daß keine Selbstanklage uns, die Mitschuldigen tief genug erschüttern kann. Ich will hier nicht an jene eindeutigen und unentschuldbarsten Dinge erinnern, die der Krieg jedermann so grausam deutlich machte, an die hundert verpaßten Gelegenheiten, wenn es galt, die jüdische Wirtschaft zu verfestigen, das jüdische Soziale aus der Sphäre unerträglicher Verwahrlosung herauszureißen und dieses starknackige, geduldige Volk um lebenskräftigere politische Ziele zu einen. Ich denke mehr an die unterirdischen Dinge. Da stand kaum einer mit guten, tätigen Händen wachend über dem alten Volksgut, da ist selten wer unseren ehrwürdigen, kostbaren Sitten, unseren Liedern, unseren Tänzen, unserer Tracht zum uneischrockenen Fürsprech geworden. Wer hat diesem allen außerhalb der lärmenden Volksversammlung bei seiner Kinder Auferziehung den gebührenden zentralen Platz eingeräumt? Leichtfertig ist das alte Kulturgut von den jüdischen Oberschichten verschüttet und vertan worden, daß es entstellt und glanzlos der Entdecker harrt. Es darf aber der zerwühlende Hang, der die Mehrzahl der jüdischen Intellektuellen ihr hohes Amt an der Volkserhebung nicht finden ließ, es darf der hoffärtige Ton, in dem sie kurzerhand die unaufschiebbaren Erfordernisse der Stunde abtaten, nicht zu der Annahme verleiten, als sei gehaltener kritischer Sinn dabei wirkend gewesen. Aus Unzulänglichkeit, nicht aus Fülle geschah diese Ablehnung; sie war nicht Wahl, sondern Entfremdung. Die wenigen zur Kritik berufenen Persönlichkeiten von Belang, über die wir in der Zeit der sogenannten Renaissance hätten verfügen können, standen bisher beinahe sämtlich in fremdem Lager. Andere Kulturen mögen sich vielleicht ihrer aufrüttelnden Leistungen berühmen, die ostjüdische hat von ihnen wenig empfangen, keinen Schutz und kaum einen Anstoß. Solange