Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1917)
- Article
- Armenwesen und soziale Fürsorge im Ostjudentum
- Date
- 1917-02-01
- Page
- 749 (sequence 13)
- Language
- German
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Armenwesen und soziale Fürsorge im Ostjudentum 749 wirtschaftlichen Charakter: eine nationale Arbeitslosigkeit. Hier sind nicht- Individuen oder Gruppen, sondern ein Volk arbeitslos. Diese nationale Arbeitslosigkeit ist ursächlich auf die offenkundige Grundtatsache zurückzuführen, daß die in Agrarländern lebende Hauptmasse des jüdischen Volkes von der landwirtschaftlichen Produktion ausgeschlossen ist. Für das Russische Reich erfährt diese Grundtatsache insofern eine Modifizierung, als ihre unmittelbare Wirkung erst durch rechtliche Beschränkung der Freizügigkeit der Juden in Erscheinung treten konnte. Die riesigen territorialen und Bevölkerungsdimensionen würden sonst diese Wirkung auf längere Zeit hinaus neutralisieren. Auf das ganze russische Reichsgebiet verteilt, würde das bis über 70% Handel und Handwerk treibende ostjüdische Sechs- oder Siebenmillionenvolk kaum 4% einer bislang durch und durch agraren, eines Mittelstandes entbehrenden Gesamtbevölkerung von 170 Millionen ausmachen. In den Städten des Ansiedlungsgebietes zusammengepfercht, bildet es aber 40% der städtischen Gesamtbevölkerung des in zunehmender Kommerzialisierung und Industrialisierung begriffenen westrussischen Länderkomplexes.*) Bieten nun schon die Städte des Ansiedlungsgebietes an sich dem jüdischen Handel und Handwerk keinen ausreichenden Spielraum, so verfällt das jüdische Element infolge der mit Riesenschritten um sich greifenden nichtjüdischen Mittelstandsbewegung (und konsumgenossenschaftlichen Bestrebungen; in Polen beide Entwicklungstendenzen durch die Nationalisierungsbestrebungen mächtig gefördert) einer zunehmenden Depossedierung. Das allmähliche Versiegen aller Erwerbsquellen für die Juden ist hier geradezu handgreiflich. So bilden diese zwei Umstände, der Ausschluß aus der Urproduktion und der Depossedierungsprozeß, die Hauptquelle der nationalen Arbeitslosigkeit, auf die die ostjüdische Armut und ihr abnormes Anwachsen zurückzuführen sind. Dieser Quelle entspringt die wirtschaftliche Judenfrage. Hinsichtlich der Lösung des Armutsproblems besteht eine natürliche Arbeitsteilung zwischen Sozialpolitik und Armenpflege. Während die erstere den eigentlichen Ursachen der sozialen Krankheit zu Leibe rücken will, beschränkt sich die Armenpflege auf die augenblickliche Linderung der .Schmerzen. Einer von nationalen Gesichtspunkten geleiteten gesamt jüdischen Sozialpolitik wird die Aufgabe zufallen, die wirtschaftliche Judenfrage durch Bemühungen um die Ermöglichung und Erleichterung der Ab- und Auswanderung und die Ansiedlung der Juden der Lösung entgegenzuführen. Eine moderne jüdische Armenpflege aber müßte zuvörderst die große und schwere Tat vollbringen, die bislang wesentlich private, auf religiös-ethischer Grundlage aufgebaute ostjüdische Wohltätigkeit durch eine wohlorganisierte öffentlich-weltliche Armenpflege zu ersetzen. Schwerlich wird diese Tat vollbracht werden. Dieser Armut ist keine Organisation und keine Öffentlichkeit gewachsen. Eine Armut, die keinen Ausnahmezustand und keine Anomalie, sondern selbst ein notwendiges und beherrschendes, das Ganze charakterisierendes Element des wirtschaftlichen Gesamtbildes darstellt, ist nur mit dem Wandel der wirtschaftlich-sozialen Grundbedingungen selbst wandel- *) Zum besseren Verständnis des Gesagten vgl. man die Angabe für je zwei Gouvernements innerhalb und außerhalb des Ansiedlungsgebietes imAufsatze vonB.Bruzkus: „Im russischen Ansiedlungsgebiet und außerhalb desselben*4 in der Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden 1908, S. 81.