Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1917)
- Article
- Armenwesen und soziale Fürsorge im Ostjudentum
- Date
- 1917-02-01
- Page
- 750 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Fritz Mordechai Kaufmann: bar. Tatkräftige und planmäßige sozialpolitische Bemühungen werden erst die gegenwärtige Armut auf ein normales Maß bringen müssen, und so ein eigentliches jüdisches Armutsproblem erst schaffen. Diese Herkulesaufgabe einer alljüdischen Sozialpolitik überlassend, wird sich eine künftige Reform der ostjüdischen Armenpflege auf die bescheidene Leistung beschränken, besonders hervortretende Auswüchse des gegenwärtigen Zustandes zu beseitigen. Dieser Zustand selbst wird fortbestehen, und mit ihm das traurig-erhebende Schauspiel eines verzweifelten Ringens zwischen der höchsten Not und der höchsten Barmherzigkeit. Berlin Leo Rosenberg DER PINKES Von den Wandlungen der ostjüdischen Intelligenz I. Die besondere Unzulänglichkeit der nationalen Bewegung unter den Westjuden mag man nicht ohne weiteres darin finden, daß die Männer an ihren Anfängen das Nationale bestenfalls in der Sehnsucht haben und in verworrenen Gefühlen, aber nicht das Volk haben, nicht in den fundamentalen Erfahrungen des Alltäglichen und nicht in einem gesicherten Wissen der abstrakten Dinge, weder seine Sprache noch seine Lieder und kaum eine seiner bittern Nöte. Wird doch, wem solches Beruhigung gewährt, in den meisten Volksbewegungen des jungen Europa einem ähnlichen Westlertum begegnen; wie ja die Männer, die sich zur ersten tschechischen Nationalversammlung begaben, notgedrungen, wollten sie einander verständlich werden, in der zu unterdrückenden deutschen Sprache verhandelten, ohne daß ihre bald breit hervorbrechende Bewegung davon ernsthaften Schaden nahm. Schon bedenklicher ist dieses: Da ich heute den Pinkes würdigen soll, ein Buch, das in einer erstarkten Volksgemeinschaft auch den Äußerlichen nachhaltig bewegen würde, kann ich mir wenig davon erwarten, daß hierzulande die zionistische Arbeit sich bereits dem vierzigsten Jahr nähert. Ich habe eine nennenswerte Bereitschaft für die im Volksinnern vor sich gehenden Veränderungen nicht vorauszusetzen; ich kann nicht darauf rechnen, daß von den Lesern nur einige das bedeutsame Buch kennen, oder, gäbe man es ihnen in die Hand, auch nur technisch imstande wären, dazu eine herzliche Beziehung zu finden. Das Ärgste aber ist: Dieser unleidliche Zustand sieht selbst im sechsunddreißigsten Jahr keine Forderung nach Umsturz entschlossen gegen sich. Nicht einmal eine besonnene Einsicht in seine Unerträglichkeit, die doch allein einer weiterführenden Tat den Weg zu weisen vermöchte, winkt als karge Tröstung. Vielmehr bedarf es noch immer umständlichen Beweisens, daß die Nationaljuden des Westens, so wie sie bisher Fremdstämmige geblieben sind, keine Bereitschaft haben, aus dem Widerstreit der nationalen Parteien des Ostens, von denen die zionistische doch nur ein