Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1917)
- Article
- Armenwesen und soziale Fürsorge im Ostjudentum
- Date
- 1917-02-01
- Page
- 748 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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748 Leo Rosenberg: Dieser Vergleich sagt alles. Die ganze Abnormität der wirtschaftlichen Lebensverhältnisse des hauptsächlichsten und größten Teiles des Diasporajudentums und die heillose Gebrochenheit seiner Existenz findet hier einen in seiner Eindeutigkeit und Zweifellosigkeit erschütternden Ausdruck. Hier ist nicht Zufall und durch zeitweilige Mißstände und Krisen bedingter Niedergang: es ist das Diasporaschicksal. Der Zahlenabstand deutet auf eine Grundverschiedenheit des Wesens und der Ursächlichkeit. Es besteht eine grundsätzliche Wesensverschiedenheit zwischen der jüdischen und der nicht jüdischen Armut. Diese trägt den klaren Charakter eines auf spezielle Ursachen zurückzuführenden, aus dem festgefügten Rahmen der Gesamtexistenz herausfallenden, zeitlich und räumlich eng bedingten Sonder- und Ausnahmestandes, — jene ergibt sich unmittelbar aus den Grundbedingungen und dem innersten Wesen der gesamten Lebens Verfassung und des gesamten Lebensschicksals eines entwurzelten Volkes. Mit einem Worte: dort ist das Elend Einzel- und Standesschicksal, hier — Volksschicksal. Die in einem normalen Wirtschaftsleben entspringenden und zutage tretenden Erscheinungen der Armut und der Hilfsbedürftigkeit werden auf teils innere, teils äußere —■ richtiger wohl subjektive und objektive — Ursachen zurückgeführt. Innere, subjektiv bedingte („verschuldete") Ursachen der Armut sind hier: Trägheit und Sorglosigkeit, Genußsucht und ungezügelter Reproduktionstrieb. Äußere: Erbbedürftigkeit infolge unzulänglicher Lohnverhältnisse, Krankheit, Invalidität, Tod des Ernährers, Arbeitslosigkeit. Nach der Umfrage von 1880 in Sachsen und der deutschen Statistik von 1885 wurde als durchschnittliche Ursache der Bedürftigkeit bei den aus öffentlichen Kassen Unterstützten festgestellt: Deutsches Reich In 21 Großstädten Sachsen 5 Tod des Ernährers..................... 30.0 Proz. 18.1 „ 12,4 „ 15,8 „ 7,2 „ 6,0 „ ",4 „ 44,7 Proz. io,4 „ |i8,4 „ 6,5 „ 10,0 „ 10,0 „ 18.4 Proz. 5,i „ io,3 „ 17,3 „ 20,0 „ 18.5 „ 10,0 „ Altersschwäche....................... Große Kinderzahl..................... Arbeitslosigkeit....................... Für die ostjüdische Armut kommt als Ursache vor allem und wesentlich die Arbeitslosigkeit in Betracht. Dann aber auch große Kinder zahl, namentlich die Tatsache der weitverbreiteten frühen Verehelichungen. Diese sind die allgemeinen Ursachen, denen sich natürlich die anderen angeführten Ursachen der Bedürftigkeit als sekundäre Faktoren zugesellen. Sie verschwinden aber alle gegenüber dem elementaren und allgemein wirkenden Hauptfaktor des ost jüdischen Elends: dem Mangel an Erwerbsmöglichkeiten, der Arbeitslosigkeit im absoluten, volkswirtschaftlichen Sinne des Begriffes. Während in einer normalen Wirtschaftsgesellschaft die Arbeitslosigkeit wesentlich lokal, zeitlich und individuell bedingt ist — im jährlich über zwei Millionen unqualifizierter ausländischer Arbeiter einführenden Deutschland namentlich kann ja von einer absoluten Arbeitslosigkeit nicht die Rede sein —■ trägt sie in der Wirtschaftsgesellschaft des Ostjudentums einen absoluten, sozial-