Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1917)
- Article
- Armenwesen und soziale Fürsorge im Ostjudentum
- Date
- 1917-02-01
- Page
- 746 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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746 Leo Rosenberg: Träger der jüdischen Volkskultur, fällt einer zunehmenden Depossedierung anheim. Das wirtschaftliche Schicksal der Hauptmasse des jüdischen Volkes erfüllt sich. Von großem Interesse wäre es natürlich, Genaueres über die soziale Kontingentierung und überhaupt über die allgemeinen Lebensverhältnisse der ostjüdischen Armen zu erfahren. Denn abgesehen von der Wichtigkeit derartiger Feststellungen für die Gesamtbetrachtung, würden sie auch wertvolle Anhaltspunkte für eine richtige Erkenntnis der wirtschaftlichen Entwicklungstendenzen innerhalb der ostjüdischen Gesellschaft liefern. Allein gerade hier versagt die Umfrage der ICA völlig. Es war ein Grundfehler, daß man der Feststellung der beruflichen Verhältnisse keine genügende Sorgfalt hat angedeihen lassen. Wir müssen uns im folgenden deshalb auf die Angaben für zwei Massenzentren Süßrußlands beschränken, die in Einzelschriften vermittelt sind. Es sind dies Odessa und Jekaterinoslaw. In Odessa betrug, nach Brodowski*), 1900 die Zahl der hilfsbedürftigen jüdischen Familien annähernd 8435. Diese 8435 Familien bestanden aus 48549 Seelen. Im Jahre 1899 wurden hier ca. 45000 Seelen registriert. Da die Gesamtzahl der jüdischen Bevölkerung Odessas für das Jahr 1900 mit 150000 bzw. 133737 Seelen angegeben wird, so ist also die Armenzahl auf 32,4%—36,3, also nahezu einem Drittel der jüdischen Gesamtbevölkerung anzusetzen. (Ein weit traurigeres Ergebnis haben wir aber aus dem Bericht der Odessaer Chewra Kadischa für das Jahr 1899 gewonnen.) Die Art der Beschäftigung haben 6154 Familien angegeben. Von diesen entfällt die größte Zahl auf den Handwerkerstand — 1427, des ferneren auf die unqualifizierten Arbeiter: 1214, auf Kleinhändler — 981, auf andere Beschäftigungsarten — 1974 Familien. Mit unbestimmter Beschäftigung und ganz beschäftigungslos wurden 558 Familien verzeichnet.**) Das gleiche Bild in Jekaterinoslaw.***) Hier wurden 1899 1354 hilfsbedürftige jüdische Familien mit insgesamt 4629 Seelen gezählt. Davon entfallen 328 Familien (1250 Seelen) auf den Handwerkerstand, 199 Farn. (653 Seelen) auf ungelernte Arbeiter, 203 (821) auf Kleinhändler, 72 (320) auf Kutscher, 72 (225) auf Bediente, 40 (162) Lehrer, 33 (136) Makler, 10 (35) auf andere Berufe und 395 Familien (1019 Seelen) auf Leute unbestimmter Berufe. Aus diesen Angaben geht besonders die schlechte wirtschaftliche Lage des jüdischen Handwerks hervor: ungenügender Verdienst macht zahlreiche jüdische Handwerker auf die Wohl- *) Das jüdische Elend in Odessa, 1902 (russisch). **) Nähere Angaben über die Beschäftigungsart der Unterstützten in Odessa sind in folgender von Brodowski aufgestellten Tabelle enthalten: Ungelernte Arbeiter..... 1214 Personen Fabrikarbeiter........ 202 Personen Schneider........... 474 „ Fabrikarbeiterinnen .... 93 „ Schuhmacher........ 445 „ Droschkenkutscher..... 156 „ Sonstige Handwerker . . . 508 „ Näherinnen......... 123 „ Händlerinnen........ 494 „ Verschiedene Tagelöhner . 116 „ Händler............ 487 „ Unbestimmten Berufes und Schubkärrner........ 287 beruf los.......... 558 „ Trödler............ 243 ***) Nach den Angaben des „Rechnungsberichtes der Gesellschaft zur Unterstützung armer Juden der Stadt Jekaterinoslaw für das Jahr 1899". Jekaterinoslaw 1900, S. 28/33 (russisch).