Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1917)
- Article
- Armenwesen und soziale Fürsorge im Ostjudentum
- Date
- 1917-02-01
- Page
- 745 (sequence 9)
- Language
- German
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Armenwesen und soziale Fürsorge im Ostjudentum 745 hinzuzuzählen sind, die, am eigentlichen Ausschank nicht beteiligt, doch im Zusammenhang mit diesen ihren Lebensunterhalt fanden; Austräger und Austrägerinnen, Hersteller und Verschleißer verschiedener Backwaren und Imbisse usw. In den Ermittlungen der ICA ist von diesen mittelbaren Leidtragenden des Branntweinmonopols häufig die Rede, die in der obigen Zahl der Enteigneten nicht figurieren. Im Städtchen Prely (Gouv. und Bezirk Dünaburg) wurde neben den vom Branntweinmonopol unmittelbar betroffenen 8 Familien noch andere 10 Familien namhaft gemacht, die „um diese lebten". Aus dem Städtchen Golowtschiny (Bezirk Mohilew) wird berichtet, daß nach Einführung des Branntweinmonopols fast das ganze Städtchen beschäftigungslos blieb. Die genaue Zahl all dieser „um den Ausschank" lebender Austräger, Krämer, Bedienter und andere kleine Existenzen konnte nicht ermittelt werden. Die obige Zahl dürfte sich durch sie sehr wesentlich erhöhen. Seitdem diese Zahlen aufgenommen wurden, sind bald weitere zwei Jahrzehnte ins Land gegangen. Wie haben sich die Verhältnisse seit 1898 gestaltet? Eine gleichmäßige Steigerung der jüdischen Armut auch für die letzten zwei Jahrzehnte anzunehmen, wäre natürlich absurd. Die zwei letzten Dezennien des vorigen Jahrhunderts waren die katastrophalsten in der Wirtschaftsgeschichte des russischen Judentums: demgemäß die katastrophale Steigerung der jüdischen Armenzahl in den 4 Jahren 1894—1898 um 27,9%. Seither ist nichts geschehen, was den Ereignissen der genannten Jahrzehnte auch nur im entferntesten an die Seite gestellt werden könnte. Steigende Auswanderung (und Unterstützung zahlreicher daheimgebliebener Familien aus Amerika) und fortschreitende Entwicklung des sozialen Hilfswesens —• der jüdischen Spar- und Darlehnskassen — haben das Entwicklungstempo der jüdischen Armut sicherlich verlangsamt, ohne jedoch den in den gegebenen wirtschaftlichen und rechtlichen Verhältnissen unabwendbaren Verelendungsprozeß aufhalten zu können. Andererseits aber hat auch der elementare Depossedierungsprozeß, in den russischen Gouvernements des Ansiedlungsgebietes mehr durch technische Fortschritte, in Polen durch sozial-völkische Entwicklungstendenzen bedingt, weiter große Fortschritte gemacht. In Ermangelung sicherer statistischer Anhaltspunkte wollen wir uns in Vermutungen nicht einlassen. Daß der Verelendungsprozeß der ostjüdischen Volkswirtschaft in den letzten zwei Jahrzehnten nicht aufgehalten wurde, sondern vielmehr weitere verhängnisvolle Fortschritte gemacht hat — kann niemand, der mit dem Entwicklungsgang des ostjüdischen Handels und Handwerks in diesem Zeitabschnitt auch nur halbwegs vertraut ist, bezweifeln.*) Der ostjüdische Mittelstand, der in Jahrhunderten erprobte und bewährte *) Ruppins entgegengesetzte Annahme entbehrt jeder Grundlage. Für seine Behauptung, daß die heutigen Verhältnisse gegenüber denen vor 20 Jahren einen Fortschritt bedeuten („Würde man die heutigen ökonomischen Verhältnisse der Juden in Osteuropa statistisch mit der Lage vor 20 oder 50 Jahren vergleichen können, so würde man höchstwahrscheinlich finden, daß die heutigen Verhältnisse, so unbefriedigend sie an sich auch sind, gegenüber den früheren bereits einen Fortschritt bedeuten." Die Juden der Gegenwart. 1911, S. 66 ff.) wird jeder, der über die Entwicklungstendenzen auf den beiden Hauptgebieten wirtschaftlicher Betätigung im Ostjudentum unterrichtet und auch sonst mit den konkreten Zuständen aus unmittelbarer Anschauung vertraut ist, nur ein Kopfschütteln übrig haben, überhaupt scheint seine ganze Deduktion im genannten Abschnitt auf einem unhaltbaren Analogieschluß zu beruhen. Heft xi. 52