Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1917)
- Article
- Armenwesen und soziale Fürsorge im Ostjudentum
- Date
- 1917-02-01
- Page
- 744 (sequence 8)
- Language
- German
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744 Leo Rosenberg: also nahezu mit dem normalen Bevölkerungszuwachs Schritt haltend. In den anderen Gouvernements übersteigt die Steigerung der Armenzahl die der natürlichen Vermehrung um das Vielfache. Noch mehr verdeutlicht wird das Bild durch die absolute Ziffer. Es folgen Ziffern über den Zuwachs der Zahl der hilfsbedürftigen Familien in einigen Massenzentren Westrußlands. Städte Zahl der um Pessachunterstützung nachsuchenden Familien 1894 1895 1896 1897 1898 3594 3801 3562 4627 53oi 1326 1218 1185 1548 1996 1452 1430 1532 1562 1719 Wilna............. 3785 3977 3658 4570 4830 750 860 950 1115 1465 758 758 758 826 865 782 778 822 1168 1300 Die Rechtsbeschränkungen der beiden letzten Jahrzehnte des vorigen Jahrhunderts waren von starkem Einfluß auf dieses maßlose Anwachsen der Armut unter den Juden. Mit der Ausweisung der Juden aus den ländlichen Ortschaften ging auch ihre Entfernung aus Ortschaften innerhalb 50 Werst des Grenzgebietes, ebenso aus Moskau und anderen innerrussischen Städten zusammen. Die schwache gewerbliche Entwicklung der Gouvernements des Ansiedlungsgebietes, namentlich der nordwestlichen, die Überfüllung des Handwerks und der anderen Berufe mußte die Entwicklung eines zahlreichen Standes von Vermittlern, Kommissionären und sonstigen Leuten unbestimmten Berufes, die sich auf jede sich bietende Betätigungsmöglichkeit werfen, begünstigen. Jede irgendwie geartete Krise im Handel mußte auf die wirtschaftliche Situation dieser Klasse bedenkliche Folgen haben und sie an den Rand der Armut führen. Allein auch die allgemeine Verbesserung der wirtschaftlichen Verhältnisse mußte eine Depossedierung dieses Vermittlerwesens herbeiführen: so die Ausbreitung des Eisenbahnwesens, die Einrichtung von Getreideelevatoren in den Bahnstationen, die Ausbreitung des Kreditwesens für größere und mittlere Kaufleute — all dieses mußte die Tätigkeit vieler tausender kleiner Transportgewerbler, Kreditvermittler und Kleinhändler überflüssig machen. Hinzu kommen ungünstige Wirkungen infolge Niederganges des Getreidehandels, des Ruins zahlreicher Gutsbesitzer, der Bewegung zur ,,Selbsthilfe" innerhalb der polnischen Gesellschaft, die zum Boykott des jüdischen Handels und Handwerks führte. Nicht zuletzt ist aber die in unsere Vergleichs jähre fallende Einführung des Branntweinmonopols zu erwähnen, die Zehntausende jüdischer Familien ohne jede staatliche Entschädigungs- und Hilfsmaßnahmen ihren letzten wirtschaftlichen Haltes beraubte. 1898 wurden nicht weniger als 27750 jüdische Familien registriert, die infolge der Einführung des Branntweinmonopols beschäftigungslos blieben. Ein Drittel dieser Zahl (9973 Farn.) entfällt auf die 6 nordwestlichen Gouvernements, ein zweites Drittel (10150 Farn.) auf die 5 südwestlichen. Das übrige verteilt sich auf das südliche Gebiet (6543 Farn.) und Polen (4510 Farn.). Man muß aber nicht außer acht lassen, daß diesen unmittelbaren Opfern der Einführung des Branntweinmonopols noch eine ganz erhebliche Zahl von brotlos gewordenen armen Familien