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Der Jude · 1917-02-01 · Heft 11 (Februar 1917) · p. 742

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 11 (Februar 1917)
Article
Armenwesen und soziale Fürsorge im Ostjudentum
Date
1917-02-01
Page
742 (sequence 6)
Language
German
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742 Leo Rosenberg: Viertel bis ein Drittel der jüdischen Bevölkerung ist auf öffentliche Wohltätigkeit angewiesen. Die Tatsache der größeren Hilfsbedürftigkeit in den größeren Städten im Vergleich zu den mittleren und kleinen Orten ergibt sich aus einer vergleichenden Zusammenstellung der bezüglichen Ziffern für sämtliche Gouvernements des Ansiedlungsgebietes. Besonders klar kommt dies für das nordwestliche Gebiet zum Ausdruck: Prozentzahl der Hilfsbedürftigen in kleinen Orten .... 16,4 „ „ „ „ mittleren „ .... 21,9 » » v » größeren „ .... 26,5 Diese Erscheinung ist offenbar auf die Gestaltung der wirtschaftlichen und rechtlichen Situation des russischen Judentums in den letzten zwei Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts zurückzuführen. Die zunehmende wirtschaftliche Entwicklung Westrußlands, die im Wachstum und der Vermehrung der großen Städte ihren Ausdruck findet, hatte auch bedeutende Massen des kleinstädtischen jüdischen Proletariats in die großen Zentren geführt. Von weit größerer Wirkung auf die Abwanderung der jüdischen Massen aus den kleinen Orten in die großen Städte dürften aber die gesetzlichen Maßnahmen der russischen Regierung im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte des. 19. Jahrhunderts gewesen sein. Hierher gehören die „zeitweiligen" Verordnungen vom 3. Mai 1882, die den Juden die Niederlassung außerhalb der Städte und Flecken verboten, und der aller höchste Erlaß" vom 29. Dezember 1887, der der jüdischen Landbevölkerung endgültig die Möglichkeit des Verbleibens in ländlichen Ortschaften nahm; ferner die in den südlichen und südwestlichen Gouvernements vom I.Juli 1896, im nordwestlichen Gebiet vom Juli 1897 unc* in Polen vom 1, Januar 1898 in Kraft getretene Einführung des Branntweinmonopols. Diese Maßnahmen haben Zehntausende jüdischer Familien ihres letzten wirtschaftlichen Haltes beraubt. Die Proletarisierung mußte überall zur Abwanderung nach den großen Zentren führen. Dem weitaus größten Teil dieser enterbten und deklassierten, in die Großstädte gedrängten Massen ist es schwerlich bald geglückt, in anderen Berufsarten unterzukommen. Für längere oder kürzere Dauer, allzu häufig wohl auch fürs ganze Leben, fielen sie der großstädtischen Wohltätigkeit zur Last, In ihren Heimatsstädtchen haben sie ihre wirtschaftliche Selbständigkeit behaupten können, ja, sie haben noch sogar von ihren geringen Mitteln für wohltätige Zwecke, zur Erfüllung der dem Juden geradezu ins Blut übergegangenen großen Gebotes der Zedaka übrig. In die Großstädte verbannt, in ganz neuen und andersgearteten Lebensverhältnissen, verloren sie bald jeden Halt in Familie und Gemeinschaft und fielen dem Elend anheim. Der in seinem Städtchen „Baalhabajit" und Wohltäter war, ist, in den Rachen der Großstadt geschleudert, zum Bettler geworden. Der Spender von gestern wurde selbst zum Empfänger. Die Zahlen inbezug auf die gebührfreien oder zu niedrigsten Sätzen erfolgenden Beerdigungen beziehen sich ebenfalls auf die Großstädte. So spärlich und gering das vorhandene Zahlenmaterial auch ist: die wenigen Zahlen besagen zu viel, um außer acht gelassen zu werden. Einige Ziffern seien hier angeführt Nach dem Rechnungsbericht der „Chewra Kadischa'^zü Odessa' starben 1899 iri dieser Stadt 2980 Personen jüdischen Glaubens. Von diesen wurden 1880 völlig gebührenfrei

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