Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1917)
- Article
- Armenwesen und soziale Fürsorge im Ostjudentum
- Date
- 1917-02-01
- Page
- 739 (sequence 3)
- Language
- German
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Armenwesen und soziale Fürsorge im Ostjudentum 739 jüdischen Armenstatus. Die Empfänger dieser Unterstützung würden in der westeuropäischen Armesntatistik nicht einmal unter der Rubrik der vorübergehend Unterstützten figurieren, denn sie bildet einen jährlich einmaligen Zuschuß zur Deckung von durch religiöse Vorschrift oder Herkommen bedingten, also nicht einmal zur Befriedigung rein physisch-persönlicher Bedürfnisse bestimmten besonderen Aufwendungen. Es ist deshalb nicht sowohl diese Unterstützung an sich, sondern die sichere Voraussetzung, daß die auf sie Angewiesenen auch sonst in einem Zustande dauernder oder temporärer Hilfsbedürftigkeit leben, die sie für die Feststellung des ostjüdischen Armenstatus wertvoll macht. Andererseits ist aber der Umstand zu berücksichtigen, daß unverheiratete und alleinstehende Arme von dieser im wesentlichen für selbständige Familien und Häuslichkeiten bestimmten Zuwendung ausgeschlossen sind; ebenso das so überaus zahlreiche Heer der domizillosen Wanderarmen. Man muß aber auch an die in den kleinstädtischen Gemeinden besonders stark vertretene Kategorie der „verschämten Armen", der „Nistarim" denken, die gerade von dieser quasi-gemeindlichen Unterstützung zumindest keinen öffentlichen Gebrauch machen. In Berücksichtigung des umfassenden und ausnahmslosen Charakters dieser Einrichtung darf es daher im allgemeinen als sicher gelten, daß die durch diese Registrierungen gewonnene Zahl der Armen eher zu niedrig als zu hoch gefaßt ist. Viel weniger häufig und auch hinsichtlich der Sorgfältigkeit und Registrierung ein weit geringeres Maß von Sicherheit bietend ist die zweitgenannte Unterstützungsart, die Versorgung mit Heizmaterialien. Im Gegensatz zum Institut der Pessachunterstützung ist eine organisierte Versorgung der Armen mit Heizmaterial in zahlreichen Arten unbekannt. Diese Art der Wohltätigkeit trägt einen privaten und individuellen Charakter. Das wird in den Zahlen einen klaren Ausdruck finden. Was nun die letztgenannte Unterstützungsart betrifft, so sind Ermittlungen darüber bloß in wenigen Großstädten vorhanden. Diese sprechen aber eine so deutliche Sprache, daß auch die wenigen bekannt werdenden Fälle als „Stichprobe" Beachtung verdienen und Schlüsse auf den Gesamtzustand wohl gestatten. Suchen wir nun ein deutliches Bild vom Status des ostjüdischen Armenwesens an der Hand der folgenden Ziffern zu gewinnen. Laut den Ergebnissen der vom russischen Bureau der ICA im Jahre 1898 angestellten, auf 1200 Städte und Flecken sich erstreckenden Ermittelungen empfingen in diesem Jahre 132855 Familien Pessachunterstützungen.*) Rechnet man üblicherweise 5 Personen auf eine Familie, so ergibt sich eine Kopfzahl von 709248. Danach beträgt die Zahl der Armen nicht weniger als etwa 19% (18.8) der Gesamtzahl der jüdischen Familien, mithin nahezu den fünften Teil. Vergleicht man die Verhältnisse in den beiden Hauptkomplexen des jüdischen Siedlungsgebietes im russischen Reiche, im eigentlichen russischen Ansiedlungsrayon und in Polen, so ergibt sich für den ersteren eine bedeutend höhere Armut der jüdi- *) In Lodz wurden nachträglich 5301 registrierte unterstützte Familien festgestellt, wodurch sich die obige Gesamtzahl auf 138156 erhöht. — Im übrigen gibt der Bericht der ICA für die ermittelten 1200 Orte die Gesamtzahl von 150000 Familien an, mit der Bemerkung, daß aus vielen wichtigen Punkten keine Mitteilungen zugegangen sind.