Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1917-02-01 · Heft 11 (Februar 1917) · p. 738

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 11 (Februar 1917)
Article
Armenwesen und soziale Fürsorge im Ostjudentum
Date
1917-02-01
Page
738 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3101111-3101112-8875895-3101580--1028-3101636
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

73« Leo Rosenberg: die Ergebnisse der Armenstatistik namentlich in Italien und Frankreich noch heute völlig illusorisch gemacht. Es ist dies aber auch überall dort der Fall, wo eine religiös bestimmte sozial-ethische Weltanschauung vorwaltet. Daß dies auch vom Ostjudentum im höchsten Maße gilt, braucht nicht erst hervorgehoben zu werden. Zwischen der sozial-ethischen Weltanschauung des Judentums und der der katholischen Kirche besteht ein inniges, auf die urchristliche Zeit zurückgehendes Band. Judentum und geschichtliches Christentum berühren sich hier aufs engste. Man ist überrascht, einer gleichgearteten, tiefgreifenden Opposition gegen eine öffentlich-weltliche Armenpflege im heutigen Katholizismus wie im Judentum zu begegnen. Es sind dieselben Argumente, die wir bei katholischen Schriftstellern und bei dem Verfasser des „Chafez-Chajim", Rabbi Israel Meir Ha- Kohen aus Radin, begegnen. Nur daß im Ostjudentum der religiös-ethische Standpunkt nicht gegen einen übermächtigen staatswirtschaftlichen, sondern gegen schüchterne und bescheidene Reformversuche und Bestrebungen anzukämpfen hat. Die ostjüdische Armenpflege bietet noch heutigentags das gleiche Bild, wie etwa im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert. Die völlige Indifferenz und Sorglosigkeit der Wirtsvölker und Regierungen auf sozialpolitischem Gebiet hat die Herausbildung und Erhaltung eines derartigen Zustandes ermöglicht und begünstigt. Himmelhoch stand (und steht vielfach noch heute!) die jüdische Gemeinschaft über dem Wirtsstaat. Und wohl nicht bloß über diesem. Die ostjüdische Gemeinde — in jener Epoche wohl noch die jüdische schlechthin — besaß in dieser Beziehung bereits im 18. Jahrhundert und früher so manches, wozu westeuropäische Staaten sich erst in den letzten Zeitläuften mühsam emporschwingen mußten. — Hier gründet sich noch heute fast die gesamte karitative Tätigkeit auf einem religiös-ethischen Prinzip des privaten Wohltuns, der Zedaka. Eine öffentliche Armenpflege strengen Sinnes gibt es da überhaupt nicht. Aufbringung und Verteilung der Unterstützungsgejder beruht im großen ganzen auf der Grundlage der Freiwilligkeit und des Gutdünkens. Diese Privatwohltätigkeit aber nimmt fast schrankenlose Dimensionen an. Ihr Umfang und ihre Ausdehnung sind überhaupt völlig unbestimmbar. Jeder Ostjude, der nicht selbst „nimmt", ist ein „Geber", und gar oft wird der einmal Unterstützte bei einer anderen Gelegenheit zum Wohltäter. Man kann daher die Schwierigkeiten ermessen, die sich einer brauchbaren Armenstatistik in diesem Zustand der „Wohltätigkeit aller gegen alle" entgegenstellen. Eine derartige Ermittelung wäre überhaupt unmöglich, — wenn es hier nicht gerade spezifisch-jüdische Formen und Arten einer periodisch wiederkehrenden halböffentlichen Hilfstätigkeit gäbe, die bedeutsame Schlüsse auf Umfang, Verbreitung und Wachstum des ostjüdischen Armenwesens gestatten. Es sind dies drei Arten von durch die ausführenden Organe mehr oder weniger sorgfältig registrierten öffentlichen Unterstützungen, die einen untrüglichen Maßstab zur Ermittelung des Status des ost jüdischen Armenwesens bieten: die jährlich wiederkehrenden Pessach-Unterstützungen (sog. „Maöt-Chitim"), die alljährlichen Verteilungen von Heizmaterial und — die namentlich in den Großstädten von den „Chewra-Kadischas" sorgfältig registrierten Fälle von völlig gebührfreien oder zu niedrigen Sätzen erfolgenden Beerdigungen. Die Pessachunterstützungen sind die allgemeinsten und verbreitetsten; sie bilden daher in allererster Reihe den wichtigsten Anhaltspunkt zur Feststellung des

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.