Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1917)
- Article
- Armenwesen und soziale Fürsorge im Ostjudentum
- Date
- 1917-02-01
- Page
- 737 (sequence 1)
- Language
- German
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Leo Rosenberg: Armenwesen und soziale Fürsorge im Ostjudentum ARMENWESEN UND SOZIALE FÜRSORGE IM OSTJUDENTUM Die Wirtschaftsgeschichte des Diasporajudentums ist noch nicht geschrieben. Wenn sie dereinst geschrieben sein wird, wird man staunend erfahren, daß die jüdische Diasporagesellschaft nicht allein in geistig-kultureller, sondern auch in Ansehung der wirtschaftlichen und sozialen Entfaltungsformen eine Welt für sich bildete* Die ausgeprägte Eigenart sozialer Gestaltung tritt zunächst in der Herausbildung und Gruppierung des Ständewesens, in den eigenartigen Formen der Vergesellschaftung und der Gemeinschaftlichkeit, nicht zuletzt aber auf dem weiten Gebiet der karitativen Betätigung zutage. In allen diesen Bezirken gesellschaftlicher Entfaltung waltete eine Eigengesetzlichkeit, wie sie schärfer und ausgeprägter nirgends in die Erscheinung tritt. (Es bleibe dem Wirtschaftsphilosophen vorbehalten, diesen einzigartigen Erscheinungskomplex für eine tiefere Erkenntnis des Wesens sozialen Seins und Werdens fruchtbar zu machen.) Was aber das jüdische Armenwesen und die jüdische Armenpflege, im weiteren Sinne das ganze System sozialpolitischer Einrichtungen betrifft, so macht man sich keiner Übertreibung schuldig, wenn man sie zeitlich sowohl wie objektiv als in der gesamten Sozial- und Wirtschaftsgeschichte einzig dastehend betrachtet. Ein klares, durch fremdartige Einwirkungen wenig getrübtes Bild dieser geschichtlich gewordenen Eigenart bietet die Ostjudenheit, dieser einzige Erbe und Träger des geschichtlichen Judentums, noch heute. Und wenn auch diese blutvolle soziale Sonderart immer mehr der Nivellierung und Angleichung verfällt, so ist doch ein Gebiet sozialer Betätigung infolge ganz besonderer Umstände von diesem Nivellierungsprozeß verschont geblieben: das ostjüdische Armen- und Wohlfahrtswesen. Triebkräfte und Faktoren sow4ohl religiös-ethischer wie objektiv-wirtschaftlicher Art haben hier zusammengewirkt und ein Ergebnis gezeitigt, das Bewunderung heischt. Im folgenden soll dieses charakteristischste und eigenartigste Moment der ostjüdischen Wirtschaftsgesellschaft, dessen aktuell-politische Bedeutsamkeit in Gegenwart und Zukunft auf der Hand liegt, einer allseitigen Beleuchtung unterzogen werden. Zwei Umstände sind es, die die Ergebnisse auch der sorgfältigsten Armenstatistik als zweifelhaft erscheinen lassen. Es ist das die fast unaufhebbare Schwierigkeit der Erfassung der Träger und der Häufigkeit der Unterstützung. Zur einwandfreien Feststellung der Zahl und der eigentlichen Stufe der Hifsbedürftigkeit der ,»Armen" bedarf es einer gleichmäßigen Berücksichtigung der öffentlichen und privaten Armenpflege und des Unterschiedes zwischen den dauernd und vorübergehend Unterstützten. Ist dies schon in Ländern mit voll ausgebildeter und überwiegender staatlicher oder gemeindlicher Armenpflege der Fall, so besteht diese Schwierigkeit in weit höherem Maße dort, wo die karitative Tätigkeit nach vorwiegend religiös-philantropischen Grundsätzen zu erfolgen pflegte, wo mithin die private, mehr persönliche Wohltätigkeit vorherrschend ist. Das ist noch heute in katholischen Ländern und Gegenden der Fall, in denen der Fortschritt von der mittelalterlichen, im kirchlich-philantropischen Geiste geleiteten Privatwohltätigkeit zur modernen öffentlichen Armenpflege nur langsam und widerstrebend vor sich geht. So werden