Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1917)
- Article
- Briefe aus Palästina
- Date
- 1917-02-01
- Page
- 734 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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734 A. D. Gordon: kein organisches Zusammenleben, das ist ein mechanisches Leben nebeneinander, richtiger ein Existieren nebeneinander. Da gibt es kein lebendiges und belebendes Band, keine Lebenseinheit zwischen den einzelnen Menschen eines Volkes; das einzige Band, das Menschen zu einem Streben, zu einem Leben verbindet, sind die gleichen, in der Hauptsache ökonomischen Interessen. Was für ein lebendiges und belebendes Band, was für eine Lebenseinheit kann da zwischen einem Volk und dem anderen, zwischen allen Völkern vorhanden sein? Das alles führt dazu, daß, so sehr sich auch bei einzelnen Menschen oder bei ganzen sozialistischen Gruppen der Gedanke und das Gefühl entwickeln mag, daß alle Menschen gleich, daß alle Brüder sind, ja sogar, daß auch alle Nationen gleiche Rechte haben, — dennoch die Völker als kollektive Individuen (und im Grunde auch die einzelnen Menschen verschiedener Nationen dort, wo in ihnen, bewußt oder unbewußt, das nationale Gefühl spricht, und soweit es tief in ihnen spricht und lebt), doch stets einander fremd, fern, und gegeneinander blind und in einer Stimmung bleiben, die zu allen Zeiten der Feindschaft näher als der Freundschaft ist, so daß es mitunter nur eines kleinen Funkens bedarf, damit der Chauvinismus, wenn nicht die Feindschaft, wie ein höllisches Feuer aufflackere. Ein für allemal: wenn wirklich einmal eine Zeit kommen soll, in der Kriege unmöglich sind, so kann das nur auf dem Wege eines großen, menschlich-kosmischen Nationalismus geschehen. Nur dann wird ein Volk nicht das Schwert gegen das andere erheben, wenn nicht nur Menschen die Pflicht haben, aufrichtig zu sein, sondern wenn Völker die Verpflichtung fühlen, aufrichtig zu sein, wenn nicht nur Menschen einen Willen haben, groß zu sein und zu leben, sondern wenn Völker nach Größe, nach menschlich-kosmischer Größe streben, wenn ein Volk des anderen Seele fühlen wird, wie es seine eigene Seele fühlt, das heißt im Grunde, wie wir sahen, wenn es seine eigene Seele so tief als möglich zu fühlen vermag. Wird die Nation ein großes Leben suchen, so wird sie ein großes Leben schaffen und keines Krieges bedürfen, um sich vollkommen auszuleben. Schaffen kann sie aber nur dann, wenn sie etwas zu schaffen hat, wenn sie genügend Weite zum Schaffen hat. Hat sie aber nicht genug Weite, um einen Tempel für alle Völker zu schaffen, so schafft sie Gefängnisse, Ketten für andere Völker wie auch für ihre eigenen Kinder. Schafft sie nicht, so vernichtet sie. Das sehen wir im gegenwärtigen Krieg. Und das alles sieht man ganz besonders gerade in dem, was man Kapitalismus nennt. Das Kapital, sagt man, ist international. Was heißt das? Das heißt, das Kapital hat keine Seele und dient seinem Eigentümer nur als Maschine. Es hat nur ökonomische Werte zu schaffen und wirtschaftlich zu beleben. Es schafft eigentlich parasitär und macht zum Parasiten: es kommt aus fremder Kraft und gibt Reichtum und Herrschaft, was gleichbedeutend ist mit einem Wachsen durch das Blut und Mark eines anderen und einem sich hoch und erhaben Fühlen, indem man auf dem andern reitet Es kann und muß international sein, weil ihm das Leben des Volkes, das heißt im Grunde das Leben der ganzen Menschheit belanglos ist; es kümmert sich nur um die Kasse seines Eigentümers. Ihm ist gleichgültig, ob das Volk glücklich, menschlich, gesund, natürlich lebt, ob alle Glieder des Volkes gesättigt, kräftig, lebendig und fähig sind, das schönste und beste Leben zu schaffen. Und daher sucht es nicht das zu schaffen, was für das Volk, für