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Der Jude · 1917-02-01 · Heft 11 (Februar 1917) · p. 733

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 11 (Februar 1917)
Article
Briefe aus Palästina
Date
1917-02-01
Page
733 (sequence 6)
Language
German
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IRI
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Briefe aus Palästina 733 Lebens gebe es größere und wirksamere Kräfte. Da arbeiteten einerseits der Lebenswille jedes Einzelnen, sein Kampf ums Dasein, andererseits die sozialen Verhältnisse, der Kampf der verschiedenen Klassen um ihren Anteil an den ökonomischen Gütern. Wenn man also ein höheres Leben für die Allgemeinheit, für die ganze Menschheit suche, so sei die eine Voraussetzung, daß man die soziale Seite des Lebens, die soziale Ordnung verbessere oder umschaffe, und die andere, daß man die individuelle Seite des Lebens, die Erziehung des Individuums verbessere oder umschaffe. Andere kehren die Reihenfolge um. Die nationale Seite aber, die Seite, von der alle Individuen rrit einem lebendigen Band umschlossen und zu einem lebendigen und schaffenden Organismus, zu einer lebendigen Nation vereinigt sind, die Seite, durch die die Nation mit den übrigen Völkern verbunden ist, durch die sie im Grunde mit der lebendigen, unendlichen Natur und damit mit der ganzen Menschheit vereint ist, — diese Seite hat keine wissenschaftliche Fundierung und hängt also in der Luft, wenn sie nicht ganz und gar eine leere Phantasie ist. Auf diese Weise bleibt die nationale Seite als wirkende Lebenskraft vollkommen frei für die Teile des Volkes, die zumeist ungebildeter, gewöhnlicher, fanatischer sind, ebenso wie für die Kreise, die ihre ganze Kraft vom Nationalismus haben und daher daran interessiert sind, daß das nationale Gefühl egoistischer, gröber, unbändiger sei, — und alle diese sorgen schon für diese Seite in ihrer Weise. Sie beschäftigen die nationale Seele mit kleinlichen nationalen Interessen und erziehen sie so in den niedrigsten Sphären des nationalen Lebens. Im allgemeinen bleibt der Nationalismus eine Art Kult, der das gerade Gegenteil des Ideals einer Nation ist, die ihre Größe in ihrem Streben nach einem großen Leben mit allen Nationen sieht. So wird durch hohen Idealismus und wissenschaftlichen Sozialismus die Nation, der Mensch erstickt. Zu derselben Zeit, da man zum Beispiel für das ästhetische Gefühl Wege sucht, um es auf eine neue Art zu beleben und es auf der Höhe der neuen Gedankenwelt zu erhalten, läßt man das nationale Gefühl, die Seele des Volkstums mit allen ihren abgrundtiefen Wurzeln irgendwo in einem Treibhaus, wenn nicht in einem finsteren Keller wachsen, weit entfernt von dem lebendigen Leben, weit hinter den neuen Horizonten, die für die menschliche Erkenntnis entdeckt werden. Man kann fast sagen, daß das Leben in den heutigen Zeiten nicht deshalb so trocken, so hart, oder wie man sagt, so grob materialistisch ist, weil man an diese oder jene materialistische Lehre glaubt, weil der Verstand heute so klug ist, klüger als die Quelle, der er entspringt, klüger als des Menschen Seele, als sein eigenes Ich, als das Leben — sondern weil die Nation ausgetrocknet ist, weil sie mit dem Leben zu gehen aufgehört hat. Der Mensch, kann man sagen, hat heute keine Seele mehr, weil die Nation, das Leben keine Seele mehr hat. (Wenn die Furcht vor Gott nicht wäre, die heute so groß ist, hätte ich noch mehr gesagt: der Mensch hat heute keinen Gott, weil die Nation keinen Gott hat.) Schon die eine Tatsache, daß das ganze Gebäude des menchlichen Zusammenlebens auf dem Sozialismus und nicht auf dem Nationalismus und letzten Endes sogar in einem entschiedenen Gegensatz zum Nationalismus errichtet ist, beweist zur Genüge, daß das Gebäude des menchlichen Zusammenlebens nicht als lebendiger Organismus betrachtet wird, in dem erst durch das kollektive Leben aller Zellen das Leben jeder einzelnen Zelle seinen echten, lebendigen Sinn erhält, sondern als Mechanismus, bei dem man nur dafür zu sorgen braucht, daß seine Teile ganz und richtig zusammengesetzt sind, damit er richtig gehe und gehörig arbeite. Das ist

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