Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1917)
- Article
- Briefe aus Palästina
- Date
- 1917-02-01
- Page
- 732 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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732 A. D. Gordon: es nur nationale Ideale, nur nationale Interessen. Kein Mensch lebt in der Luft, in der „Menschheit": jeder lebt in seinem Volk und mit dem Leben seines Volkes (oder eines fremden Volkes), auch wenn er in der Wüste lebt (Beispiel: die Sprache, in der er denkt). Das Schlimme ist aber, daß im Leben, und gerade im bewußten Leben, einstweilen noch die Abstraktionen wirken. Gerade diejenigen, die große Ideale, großes Leben suchen, gerade sie überspringen die Nation, springen vom Individuum gleich in die abstrakte Menschheit. Die Nation, die nationale Seele, die nationale Form des Lebens verneint man entweder ganz, als eine Übergangsform des menschlichen Lebens, oder man behandelt sie wie eine alte Mutter, die man aus alter Liebe, aus wohltätigem Sinn, aus Pflicht unterhält, oder die man für ein notwendiges Übel hält, mit dem man rechnen muß, und die gewisse Verdienste hat. Aber daß sie die Kraft sein soll, die vereinigt und dem ganzen Organismus Leben gibt, die ohne Auf hör wirkt und schafft, die Kraft, die die Grundlage für alle gesellschaftlichen Beziehungen ist, gleichgültig von welchem Samen sie stammen, — das klingt etwas unglaubhaft. Sie sieht man erst, wenn sie elementar hervorbricht, und da hat sie freilich keine Lichtgestalt. So verhält man sich zu ihr, sowohl dort, wo man sich von der idealen Seite dem Leben nähert, wo man ein Ideal sucht, nach dem sich das bewußte menschliche Leben richten soll, als auch dort, wo man sich ihm von der sozialen Seite nähert, wo man das soziale Leben der Allgemeinheit zu verbessern strebt. Von der idealen Seite will das eigentlich heißen, daß der Begriff des menschlichen Lebens nach allen tiefen Forschungen, nach allen hohen Bestrebungen noch immer der Begriff eines Lebens bleibt, das im letzten Grunde eng egoistisch ist, und das man verlassen muß, wenn man nach höherem Leben strebt. Das menschliche Ich bleibt noch immer in sich selbst verschlossen, abgeschieden von der Natur, der Quelle des Lebens, das heißt abgeschieden von allem. Wieviel man auch darüber grübeln mag, es bleibt doch der Sinn des Lebens, das Interesse des Lebens dabei in kleinen, begrenzten, egoistischen Erlebnissen erschöpft. Und wenn die sündige Seele sich hier eng, bedrückt und gewürgt fühlt und etwas Weiteres, Höheres, Erhabeneres sucht, so muß sie ihr Ich verlassen und zu irgendeinem Altruismus übergehen oder in einen Übermenschen hinüberwandern oder in der großen Abstraktion, die Menschheit heißt, aufgehen. Die Nation, das nationale Ich muß sie überspannen, so gut wie sie das eigene persönliche Ich verlassen muß, wenn sie höhere Sphären des Lebens sucht, denn das Leben der Nation bleibt, wie das Leben des Individuums, an sich egoistisch, das heißt national-egoistisch, bleibt an sich bei den niedrigeren Sphären des Lebens, bei den kleinen, engen, egoistisch-nationalen Idealen und Interessen, da die höheren Sphären abstrakt geblieben sind und nur in der Abstraktion Menschheit ihren Ort haben. Noch deutlicher ist das auf der Seite der sozialen Strömungen. Gerade in den Kreisen, in denen man das ganze gesellschaftliche Leben umzuschaffen sucht, berücksichtigt man die nationale Seele sehr wenig, wenn man sie nicht gar verneint. Im besten Fall bestätigt man ihr das Recht, in den geistigen Sphären des Lebens, man kann sagen, in den Sphären der Phantasie zu schaffen, denn die Wirkung dessen, was man das Geistige zu nennen pflegt, auf das Leben ist sehr wenig lebendig. Aber in dem lebendigen Leben, im Schaffen des alltäglichen und ständigen