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Der Jude · 1917-02-01 · Heft 11 (Februar 1917) · p. 731

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 11 (Februar 1917)
Article
Briefe aus Palästina
Date
1917-02-01
Page
731 (sequence 4)
Language
German
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IRI
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Briefe aus Palästina 731 So ist das Leben des Einzelnen und so das des Volks. Eines hängt von dem andern ab. Richtiger: das Volk ist das wichtigste Zwischenglied zwischen dem Leben des Individuums und dem der Natur. Das Volk, kann man fast sagen, hat den Menschen geschaffen: das Volk hat seine Sprache, seine Sitten, seine Kunst, seine Religion geschaffen, das heißt soviel wie: seinen Verstand, seine Seele, seine Welt, — das Volk, nicht die soziale Gruppe. Das Volk ist mehr als eine soziale Gruppe. Das Volk — das ist der Mensch, das menschliche Ich eines gewissen Teiles der Natur (eines gewissen Landes) in seinen verschiedensten Gestaltungen und Erlebnissen. Erst das Volk, das kollektive Ich, die Seele der Nation, allumfaßt die Seele der Natur, die die Seele des Einzelnen nicht zu umfassen imstande ist; erst in dem kollektiven Verstand des Volkes spiegelt sich der unendliche Verstand der Natur wider, der sich nicht vollkommen in einem einzigen Tropfen widerspiegeln kann. Erst durch das Leben des Volkes ist das menschliche Leben fähig, menschlich zu sein, erhält der Mensch die Möglichkeit, kosmisch groß zu leben, bedeuten überhaupt die höheren Bestrebungen des Menschen etwas, sind sie keine leere Phantasie. Das Volk ist eine lebendige Kraft, die, wie wir sehen, in großem Maßstab schaffen kann, Leben schaffen kann (und daher hat sie ja in dem Maße gesündigt, als der Mensch überhaupt sündigt); aber deshalb muß sie auch lebendig sein, stets mit dem Leben Hand in Hand gehen. Das heißt: es muß wieder, ebenso wie beim Individuum, ein für allemal klar werden, daß das bessere Leben, das die Seele eines Volkes sucht, das Glück, die Größe, nach der das nationale Ich strebt, nicht, wie man meint, im egoistisch-nationalen Glück besteht, nicht in einem Leben, das von der großen Welt abgeschlossen ist. Das nationale Ich, die Seele des Volkes, will so gut wie das individuelle Ich auch ein höheres Dasein führen, über die Grenzen seines nationalen Lebens hinaus, über die Grenzen des Lebens, das ihm die Natur seines Landes gewährt, in das Leben der übrigen Völker hinein, in das Leben, das dem Menschen die ganze unendliche Natur gewährt. Die Nation lebt, so gut wie der Einzelne, nicht nur für sich selbst, sie hat wie der Einzelne, nicht nur für sich selbst, sondern auch für die übrige Welt zu sorgen und zu arbeiten. Das, was man nationale Interessen, nationale Ideale nennt, ist nicht in den Grenzen egoistisch-nationalen Lebens abgeschlossen, — nationale Interessen und Ideale umfassen das ganze Leben des Menschen, die ganze Menschheit, die ganze Welt. Es gibt keine weiteren, höheren, erhabeneren Ideale und Interessen als nationale; es gibt keine besonderen nationalen und besonderen allmenschlichen Ideale und Interessen, — es gibt hier, wie beim Individuum, kleinere, engere, egoistische nationale Ideale und Interessen und höhere, weitere, allmenschliche, kosmische nationale Ideale und Interessen. Ja noch mehr, der Einzelne kann allmenschliche Ideale und Interessen, wenn sie einen lebendigen Wert, eine lebendige Kraft haben und nicht leere Phantasien sein sollen, erst durch das Leben des Volkes erhalten, das alle möglichen Erlebnisse und Beziehungen, Ideale und Interessen umfaßt, die das menschliche Leben nur in sich schließen kann. Das ganze menschliche Interesse am Leben, der ganze menschliche — das heißt psychologische, nicht nur physiologische — Sinn des Lebens ist durch die Nation geschaffen. „Menschheit", „allriienschliche Ideale" usw., das sind nur Abstraktionen, kollektive Begriffe; in Wirklichkeit gibt es nur Völker, jedes Volk mit seinem besonderen Leben; im Leben gibt Si*

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