Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1917)
- Article
- Briefe aus Palästina
- Date
- 1917-02-01
- Page
- 730 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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730 A. D. Gordon: immer maschirienartiger, das Denken wird technisch, das Fühlen technisch, das ganze Leben wird technisch. Aber das Leben ist, wie wir sehen, stärker. Es protestiert auf seine Art, despotisch, elementar, kosmisch. Es schafft einen Krieg, den niemand braucht, niemand will, der keinem Nutzen bringen kann, einen Krieg, der mit der Sprache des Todes und der Verwüstung dekretiert, was Menschen nicht hören wollten, solange es mit der Sprache des Lebens und des Schaffens nach Ausdruck rang. Da, sollte man meinen, handelt es sich um etwas Tieferes als um das, wovon in Parlamenten, Versammlungen oder auch Akademien geredet wird. Da wird etwas Höheres gefordert als das, was durch Kanonen und dergleichen Ausdrucksmittel von der heutigen technischen Kultur gefordert wird. Vor allem erhebt sich da vor uns die Notwendigkeit, uns etwas mehr in das Nachdenken über den Menschen und sein Leben zu vertiefen. Auf den ersten Blick sind wir doch alle gegen den Krieg, jeder der nur ein Herz und ein Hirn sein eigen nennt. Auf den ersten Blick sehen wir doch alle in ihm nur Wildheit, Grausamkeit, Barbarei. Und doch — warum sollen wir uns täuschen? Irgendwo in der Seele ist etwas, das eine gewisse Bewunderung für die grandiose Gewalt des Krieges hat. Irgend etwas ist es, das wie ein Vulkan oder dergleichen große Weltkräfte auf uns wirkt. Wir sehen da, wie groß, wie weltengroß des Menschen Wille ist, seine Aufopferung, sein Bedürfnis nach Aufopferung in bestimmten Augenblicken (zu glauben, daß hier nur Zwang wirkt, würde jedenfalls von keinem tiefen Verstehen zeugen). Wir sehen da ein Verhältnis zum Leben, das kosmisch groß und stärker als der Tod ist. Wie groß könnte das menschliche Leben sein und wie erhaben die Beziehungen des Menschen zum Nebenmenschen, zur Natur, zu sich selbst, wenn er zu leben verstünde! Was heißt das: großes Leben, erhabene Beziehungen? Kann der Mensch groß leben, wenn er der Natur entfremdet ist? Kann er frei leben als Knecht der Natur oder als Herrscher über sie — was vielleicht ein und dasselbe ist? Kann des Menschen Leben lichtvoll sein, wenn die Natur, der Quell des Lebens, blind ist? Kann dort Leben sein, wo alles auf Mechanik, auf Technik beruht? Geh und finde da einen Sinn für die höheren Bestrebungen der menschlichen Seele! Geh und finde da höheres Leben für das Volkstum, ein Grundelement der Menschenseele und das fruchtbarste von allen! Es muß ein für allemal klar werden, daß das ganze höhere Streben der menschlichen Seele, alle ihre höheren Forderungen, die ihren Ausdruck in dem finden, was man Ästhetik, Moral, Religion nennt, nichts anderes ist als das Streben der Seele, sich vollkommen nach allen Richtungen auszuleben, alles zu durchleben, was der Verstand faßt, und mehr als er faßt. Das hat aber keinen anderen Sinn als ein Leben mit der Natur zu leben, nicht nur menschlich, sondern auch kosmisch. Altruismus und dergleichen sind nur arme, schwache Ausdrücke für einen ganz klaren, aber unendlich großen Begriffdie menschliche Seele, das Ich jedes Menschen will einfach ein höheres Leben führen, nicht nur stumpf, eingesperrt, erstickt in dem kleinen, engen Kreis leben, den man Egoismus, egoistisches Ich nennt, sondern mit allem und in allem Bestehenden, in allen seinen Tiefen, mit der Natur und in allen ihren Tiefen, mit ihrem großen kosmischen Leben, in der Unendlichkeit. Je größer, tiefer und reicher die Seele ist, um so größer, tiefer und reicher ist auch ihr Streben nach einem höheren Leben.