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Der Jude · 1917-02-01 · Heft 11 (Februar 1917) · p. 729

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 11 (Februar 1917)
Article
Briefe aus Palästina
Date
1917-02-01
Page
729 (sequence 2)
Language
German
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IRI
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Briefe aus Palästina 729 als die Begierde, über den andern, seine Kraft, seinen Willen, sein Leben zu herrschen, um ein wirtschaftlicher oder ein geistiger Parasit oder beides zu sein. Der Kapitalist ist nicht dadurch stark, daß er wirklich eine reale Herrschermacht besitzt, — die Arbeit ist eine größere und in Wahrheit realere Macht —, er ist nicht durch seine Macht stark, sondern durch der anderen Schwäche, durch der anderen Begierde, die er befriedigen kann und sie nicht. Die Begierde läßt sich aber nicht so leicht entwurzeln, wie man glaubt. Da reicht es noch nicht aus, genug Bewußtheit und Willen zu besitzen, daß der andere nicht über einen herrsche: die Begierde, über den andern zu herrschen, ist damit noch keineswegs erstorben, wenn sie auch gewöhnlich sehr tief verschlossen und zumeist dem Eigentümer selbst verborgen ist. Das kann man im Leben sehen, sofern man es nicht unmittelbar psychologisch einsieht. Es ist deshalb nicht ohne weiteres offenbar, weil es ja auch nicht ohne weiteres offenbar ist, daß ein auf breiterer als der durch die eigene Kraft möglichen, ökonomischen Grundlage ruhendes Leben und, allgemein gesprochen, die Inanspruchnahme von wirtschaftlichen Gütern über das Maß dessen hinaus, was man zum Leben braucht, dessen, was man braucht, um aus sich alles herzugeben, was man zu geben fähig ist, — daß dies bereits über andere herrschen heißt. Die Begierde hat zu tiefe Wurzeln im Willen des Menschen, möglichst leicht und bequem zu leben, sie hat zu tiefe Wurzeln in der ganzen bisherigen Kultur, in der Reichtum, Herrschaft soviel wie Glück, Ehre, Größe, Stärke bedeutet. Ein nicht viel weniger ergiebiger Boden findet sich für sie in der neuen Kultur mit ihrem Streben nach Herrschaft über die blinde Natur. Schon in dem Gedanken einer Herrschaft über die Natur liegen die Wurzeln der Herrschaft des einen Menschen über den anderen begründet. Wenn der ganze Sinn des Lebens, seine ganze Schönheit und Stärke darin liegt, daß der Mensch sich als Herrscher und durch sein Herrschen als Gebieter fühlt, kann es nicht ausbleiben, daß bei ihm irgend einmal ein Gedanke und ein Wille geboren wird, sich als Herrscher über den Menschen, als Herrscher über den Herrscher, Gebieter über den Gebieter zu fühlen, sei es durch Macht über den einfachen Menschen, sei es durch geistige Herrschaft, oder wie Übermenschentum beschaffen sein mag. Herrschaft bleibt stets Herrschaft, stets schwer zu ertragen für einen wahrhaft freien Geist, stets schädlich in ihrer Wurzel — stets führt sie schließlich zu ganz gewöhnlicher Herrschaft mit allen ihren Nachwirkungen für andere: Abhängigkeit, Knechtschaft, Armut usw. Das kann man auch im Leben sehen, wenn man es nur ohne Brille betrachtet. Aber zu glauben, daß es möglich sei, eine solche soziale Ordnung oder eine solche Art ordnungslosen Lebens zu schaffen, daß auf ewig jede Möglichkeit der Herrschaft des einen über den anderen ausgeschlossen bleibt, heißt glauben, daß man eine derartige Ordnung oder Lebensweise schaffen kann, daß es unter Menschen keine stärkeren und schwächeren gibt, keine niedrigen Seelen mit großen und keine edlen Seelen mit kleinen praktischen Fähigkeiten usw. Dies würde soviel bedeuten wie wollen, daß das Leben eine Art mechanisches Gehwerk, der Mensch eine Art Maschine werde. Die heutige Kultur mit ihrer Herrschaft über die blinde Natur, mit ihrem Triumph über deren Blindheit, mit ihrer Fesselung des Lebens in eiserne Bande, — die heutige technische Kultur strebt eben danach. Und so geht es seinen Gang. Der Mensch wird Heft 11. 51

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