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Der Jude · 1917-02-01 · Heft 11 (Februar 1917) · p. 728

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 11 (Februar 1917)
Article
Briefe aus Palästina
Date
1917-02-01
Page
728 (sequence 1)
Language
German
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IRI
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728 A. D. Gördon: BRIEFE AUS PALÄSTINA Dritter Brief Meine Freunde! Ich komme jetzt zum schwierigsten Gegenstand unserer Unterhaltung. Wir halten beim Krieg. Laßt uns sehen, was sich aus der elementaren Umwälzung, einer Umwälzung, dergleichen die Welt noch nicht gesehen hat, für das lebendige Denken, die lebendige Seele ergibt. Völker, Kulturvölker schlagen sich, machen andere und sich zu Trümmerhaufen, metzeln Millionen junger Menschen, ihre besten Kräfte, nieder, zerstören Städte, Dörfer, Provinzen, Länder, die Arbeit von Hunderten von Jahren. Was ist das? Was geschieht da? Werden sie denn so viel gewinnen, als sie an sich und anderen zerstören? Wo ist die Weisheit, der Fortschritt, das Licht, alle die schönen Dinge, deren sich die heutige kluge Generation so rühmt? Es ist undenkbar, daß das alles durch einen Zufall, einen Irrtum oder dergleichen gekommen ist. Wir sahen, daß Menschen, die stets gegen den Krieg sind, mit kaum begreiflicher Glut in ihn eintraten. Wenn Menschen, die fühlen und denken, dichten und schaffen, das Recht predigen, Geräte der Arbeit und des Schaffens in solche des Mordens und der Verwüstung umzuschmieden, so läßt sich das nicht mit leeren Phrasen erklären. Menschen sind stets und überall Menschen. Noch weniger läßt es sich durch einen Zufall oder dergleichen erklären, daß die Arbeiterparteien in den Kriegsländern, die, größten und entschiedensten Gegner des Krieges, nach allen ihren Protesten so einstimmig in den Krieg eingetreten sind. Hier ist offenbar etwas zum Ausbruch gekommen, ein menschliches, tiefmenschliches Gefühl, eine höhere menschliche Gewalt, die lang, lang unterdrückt war, oder die man lang, lang sich nicht vollkommen ausleben ließ. Daß man hier Schuldige findet, daß ein Volk dem andern, eine Klasse der andern, die Arbeiterpartei des einen Landes der Arbeiterpartei des andern die Schuld zuschiebt, das sind natürlich nur Vorwände. Schuld sind alle oder keiner. Der Krieg hat, wie wir wissen, nicht auf Grund reiflicher Überlegung aller Beteiligten angefangen, er ist unerwartet für alle Beteiligten ausgebrochen. Schuld ist also das ganze frühere Leben, d. h. die Lebensweise aller Beteiligten, in denen sich etwas staute, bis es ausbrach. Es sagt sich so leicht, so sicher: der Kapitalismus, die Regierungen. Wer sind denn der Kapitalismus, die Regierungen, wenn nicht die Völker? Kann eine Regierung ohne Volk, ein Kapital ohne Arbeiter sein? Das Volk, die Kraft des Volkes regiert stets, bei jeder Regierung, auch bei der despotischen. Und wenn es eine schlechte Regierung hat, bedeutet dies, daß es nicht genug Bewußtheit oder Willen besitzt, um eine bessere zu haben. Das Kapital wird stets durch die Arbeiter geschaffen, und hängt stets mehr von den Arbeitern, von der Arbeitergemeinschaft ab, als sie von ihm; und wenn das Kapital über die Arbeiter herrscht, bedeutet dies, daß sie nicht genug Bewußtheit oder Willen besitzen, um das Kapital zu beherrschen. Das Kapital in dem Sinne zu beherrschen, wie es hier gemeint ist, heißt aber letzten Endes vor allem vom Kapital, von der Begierde nach Kapital frei sein. Die Begierde nach Kapital bedeutet wieder im letzten Grunde nicht mehr und nicht weniger

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