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Der Jude · 1917-02-01 · Heft 11 (Februar 1917) · p. 726

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 11 (Februar 1917)
Article
Westöstliches Sein
Date
1917-02-01
Page
726 (sequence 3)
Language
German
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726 Herman Glenn: Ebenbild des Einzigen Gottes hypostasiert wird, erhält er ein unverfallbares Anrecht auf Würde und Verehrung, wenn er nur Gott dient. Auf dieser Grundlage ist der spätere jüdische Seelenglaube, sind die Prophetie und ihre sublime messianische Wunderblüte geboren; auf dieser Grundlage hat dann, die persönliche Souveränität des Menschen weit über das gedämpftere jüdische Maß hinaushebend, das Christentum die Welt des Abendlandes gewonnen, den angeborenen Stolz des Europäers adelnd und mildernd, ihm religiöse Weihe und universelle Richtung verleihend» Der jüdische Geist selbst ist zunächst vor einer solchen subjektiveren Lösung zurückgeschreckt, obwohl sie sich ihm als natürliche Entwicklung mehrfach bot: das ganze Buch Hiob legt Zeugnis von dem schweren inneren Kampfe ab, den hier das Judentum gegen das sich nach okzidentaler Befreiung sehnende eigene Ich zu bestehen hatte, bis der zur Demut weisende Geist des Orients in ihm Sieger blieb — denn sicherlich ist Hiob eine Personifikation des jüdischen Volkes. Die weltgeschichtlich folgenschwere Synthese von Ost und West in der jüdischen Geistesgestaltung steht unwiderleglich fest; schwieriger ist ihre Erklärung, die man sich geographisch, ethnologisch, historisch, kulturell denken kann. Das Land Israel war seit Urzeiten die Pforte von Kleinasien nach Ägypten, von Hellas nach dem tieferen Orient, und umgekehrt. Eine Reihe von Völkerschaften, die später auf dem eroberten Boden Palästinas im Judentum aufgingen, war von größeren Mutterverbänden abgezweigt und abgesplittert, die selbst über Kleinasien und den Kaukasus den Weg nach Europa fanden: nach Griechenland und Italien, nach dem sarmatischen Tiefland und Germanien. Die von den Propheten vorausgesagte, ja beinah vorausbefohlene Zerstreuung der Judenheit fand dann zu einer Zeit statt, da sich die Auflösung der antiken Völkerwelt detitlich abzuheben begann, die europäischen Nationen sich in jahrhundertelangen Erschütterungen neu zu bilden anfingen, und vollends ihre dazu notwendige Einbeziehung in einen einigenden zentralen Kulturkreis noch gänzlich fehlte. Die orientgeborene Ideenwelt des Christentums übernahm hier die Führung und bildete erst den Okzident zu einer wirklichen geistigen Gesamtheit, zu einem gestaltenden und fruchtbaren Begriff. Bei diesem Prozesse der Verbindung und Mischung war das Judentum häufig ein erwünschter und sogar herbeigerufener Faktor, zumindest bei der wirtschaftlichen Verständigung, die der religiösen und nationalen voranging; seine Ächtung und Verfolgung begann überall erst dort, wo es nach erfolgter Neubildung der Nationen und Konsolidierung ihrer Staaten doch bei der eigenen religiösen und nationalen Absonderung weiter beharrte — erst dann verfällt das Judentum immer mehr in die Rolle des mißachteten und geschobenen Zuschauers der europäischen Geschichte, ursprünglich nach dem äußersten Westen verschlagen, dann in langen Perioden stoßweise wieder zurück nach dem Osten flutend. Sein innerstes Wesen blieb dabei unverändert, es gab auch weiter unentwegt dem Religiösen gegenüber dem Kulturellen, dem Humanitären vor dem Patriotischen, dem Ethischen vor dem Vitalen den Vorrang und höheres Recht. Aber es wurde weicher und zugänglicher, seit es nicht mehr allein gegen eine Welt von heidnischen Völkern anzukämpfen und den höheren Glauben ständig zu beschützen hatte, es konnte sich nicht mehr dem tiefen Zauber verschließen, der in dem ganzen freieren Leben des Okzidents, vor allem in den früher als heidnisch gefährlich verpönten weltlichen Künsten und Wissenschaften liegt; und am wenigsten konnte verhindert werden, daß die Schleusen der öffentlichen Befreiung im

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