Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1917)
- Article
- Westöstliches Sein
- Date
- 1917-02-01
- Page
- 727 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Westöstliches Sein 727 XIX. Jahrhundert mit der stärksten Intensität die geistige Oberschicht der Juden ergriffen und dem westlichen Wesen zutrieben. Zuletzt ist es auch notwendig, daß ein lebendiges Bindeglied zwischen Europa und dem Orient existiere, da die Wechselbeziehungen zwischen den alten Weltteilen nach außerordentlich langer Unterbrechung, während der Europa nur befahl und nahm, nunmehr wieder lebendig zu werden versprechen. Nicht zu verkennen ist jedoch, daß tiefer im jüdischen Volke der Argwohn nicht ganz verschwunden ist, jedes Nachgeben vor der europäischen Kultur schließe die Keime zu einem Abfall vom Judentum in sich. Nur zu sehr mußte dieser Argwohn verstärkt werden durch das Gebaren jener vielen Emporkömmlinge und Zivilisierten, die ihre Zugehörigkeit zur europäischen Kultur erst voll zu besiegeln glaubten, wenn sie ihr Judentum preisgaben. Diese Woge der unbedachten Nivellierung und Verwischung der Ursprünge ist heute im Kern vorbei, nachdem sie dem reinen Europäer tum wie dem reinen Judentum unersetzlichen inneren Schaden zugefügt hat. Nur mißmutig und mißtrauisch hat eine solche Entwicklung die geistig führenden Vertreter der europäischen Nationen gemacht; und doch war sie mit ein Zeichen des jüdischen Strebens, sich als Träger okzidentalen Gedankens zu bewähren, mißglücktes Symptom einer an sich steigenden Erneuerung jener Synthese von Ost und West, die das gesamte jüdische Sein auch in der Gegenwart darstellt. Die tieferen Schichten des Volkes sträubten sich gegen die Folgen einer solchen Synthese nur insofern, als dabei der innere Gehalt der Nation angegriffen zu werden, eine Verschiebung des seelischen Erlebens nach dem Wcstlichweltlichen hin zu drohen schien. Wenn aber die intellektuellen Vertreter des neuen Judentums, unter bedingungsloser Festhaltung an der jüdischen Wesenheit ihrer ausgebildeten Individualität, behutsam und hingebend das ausgewählteste Edle der okzidentalen Kultur dem Volke darbieten, eher selbst als Beschenkte denn als von oben Gebende: dann wird ihnen dieses Volk, in der ewig wachen Angst um seine einzigsten Güter beschwichtigt, williges Gehör und dankbare Ernte reichen. Hat doch der Volksgeist bereits aus sich selbst heraus manche Wege zu einer solchen Vermählung beschritten, in einer so gut wie führerlosen aufklärerischen Bewegung, der Haskala, die sich sogar vielfach über das orientalisch Tiefgründige des eigenen Volkstums erhaben zu sein anmaßte: ein konfuses und ebenso undiszipliniertes Gegenstück zum Verhalten früher vorangegangener Gebildeten. Die einenden Kräfte und die Sehnsucht nach höherer Einheit sind in uns angesichts der europäischen Geisteswelt unzweifelhaft da. Und was noch fehlt, die Formung einer solchen Einheit im Volke zu deutlicher Gestalt, wird zu erreichen sein, wenn bei dieser Synthese die Scheu vor der ostgeborenen Würde des Judentums, vor der Abwendung vom Tage zu den Schätzen seiner unantastbaren Gläubigkeit, von den geistigen Elementen der Nation niemals aus Erleben, Gedächtnis und Auge fallen gelassen wird. Herman Glenn