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Der Jude · 1917-02-01 · Heft 11 (Februar 1917) · p. 725

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 11 (Februar 1917)
Article
Westöstliches Sein
Date
1917-02-01
Page
725 (sequence 2)
Language
German
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Westöstliches Sein 735 Man darf vielleicht*) die Aufhebung der Persönlichkeit durch die allbeherrschende Idee als den entscheidendsten gemeinsamen Charakterzug des klassischen Orients ansehen. Das konfuzianische China, bis heute noch dem Leben von Hundertmillionen des östlichsten Kontinentalreiches ausschlaggebend, läßt das Individuum nur als Mittel zum Zweck einer sozial-ethischen Gesellschaftsordnung gelten, die der geheimen Harmonie der himmlischen Natur nachzustreben hat. Das antike Persien hat den Staat wie den ihm dienenden Menschen als Vertreter einer kosmischen Kampfesethik betrachtet und daraus die weitestgehenden Herrscherrechte für sich abgeleitet. Es stellte sich damit als den veredelten Erben der rein despotischen früheren Reiche Vorderasiens hin, Assurs und Babylons, bei denen aber der unumschränkte König wieder nur als Willensvollstrecker einer zivilisatorisch großtätigen Religionsgewalt erschien. Indien begnügte sich mit der scharfen Trennung zwischen den allein zur Macht berufenen Erkennenden, die durch das kosmische Ideal eines einzig wahren ewigen Urseins zur Verneinung der Individualität als Scheines geführt wurden, und den Niederen, die darum auch auf jenen Schein keinen Anspruch erheben durften. Nicht anders verfährt mit seinen Untertanen Ägypten, aber auf Grund einer völlig eigenen Kultur, in der sich äthiopisch-fetischistische, asiatisch-kontemplative und (man kann es kaum anders nennen) okzidental-individualistische Züge vermischen. Der Seelenglaube der höheren Stände gibt hier am frühesten dem einzelnen Menschen einen unvergänglichen Wert, den die Lebenden, der Materie eine höhere Realität zuerkennend, durch unvergängliche Körperlichkeit noch zu erhöhen trachteten: daher die technisch erstaunliche Mumifizierung der Toten, daher eine Bildhauerkunst iii unverwüstlichstem Material, Porphyr und Granit. Die in sich widerspruchsvolle Einheit Ägyptens konnte nur durch ein zentrales imperialistisches Großherrschertum zusammengehalten werden, ebenso wie die für das Land voranstehende einheitliche Regulierung des Nils; die Despotie wird dadurch zur bindenden, buchstäblich lebenspendenden Kulturmacht, und alles verschwindet hinter ihrem Glänze, den die Pyramiden und Sphinxbildnisse durch Jahrtausende künden. Hier vollzieht sich bereits merklich jene Trennung und Befreiung der weltlichen Gewalt von der hochentwickelten geistlichen, die das Abendland später so entschieden forderte —1 das Volk aber gilt in allen seinen Teilen für nichts. Demgegenüber geht die Sehnsucht des Okzidents auf die Erhöhung der Persönlichkeit durch die Idee. Die Idee selbst bleibt an sich das Höchste (Plato); der einzelne Mensch ist aber letzten Endes ihr Verkünder und Verkörperer, wird so zu einem höherem Werte geleitet, gewinnt eine Bedeutung rein an sich schon, und läßt sich diese Bedeutung in der Geschichte Europas eigentlich niemals endgültig nehmen. Ein stolzerer und freierer Menschenschlag wird aus solcher Gesinnung gezeugt, der in der Folge allmählich die kulturelle Führung der Erde an sich reißt. Schicksalsreich steht hier das Judentum zwischen den beiden Extremen. Sein tiefstes Erlebnis, die ethische Offenbarung des gottbeherrschten Weltalls, ist orientalisch, führt zur morgenländischen Auflösung der Individualität in Ekstase und Ehrfurcht. Indem aber der Mensch im gleichen Atem feierlich zum Träger und *) Eine tiefgehende psychische Analyse der östlichen und westlichen Essentialitäten hat uns Martin Buber im ersten Abschnitt seines Buches .»Vom Geist des Judentums" geschenkt; hier sei mehr die kulturhistorische" Seite des Gegensatzes berührt.

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