Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1917)
- Article
- Franz Werfels "Christliche Sendung"
- Date
- 1917-02-01
- Page
- 723 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Franz Werf eis „Christliche Sendung" 723 Nein, lieber Werfel, fürchte nichts, wir wollen weder die Hofnoch die Kommer zienräte, noch die Fachleute überhaupt behalten. Unsere Politik hat auch nichts mit den „Mitteln der Kunstfertigkeit" zu tun. Sondern jede aktivistische Politik hat im wesentlichen nur ein Mittel: das der Volkserziehung, genauer gesagt: der Jugenderziehung. Das ganze Volk zum Absoluten hinwenden, das ganze Volk, und was die Hauptsache ist: von der Jugend angefangen, besser machen, — so faßte schon Piaton im letzten Teil des „Gorgias" die Aufgabe des wahren Volksmannes, zum Unterschied von jenen Themistoklessen, die nur dem Machtinstinkt des Volkes schmeicheln, statt es in ganz andere Richtung hin zu erziehen. Die Erziehung des Volkes als des realiter, von der niemals zu verachtenden Natur dargebotenen Bausteines einer künftigen Menschheit — die Erziehung des Volkes zur Vergeistigung, zum wesenhaften Menschsein, die Jugenderziehung vor allem, die Verhinderung des Typus Fachmann, Streber usf. im Keime und die Beschaffung aller hierzu notwendigen (nicht mehr, nicht weniger) materiellen Grundlagen: das sind die Elemente der Gemeinschaft, die der Zionismus, das junge Judentum erstrebt. Der Künstler hat mit dieser Erziehung, selbst wenn sie an sich noch so sittlich und heiß ersehnenswert ist, nichts zu schaffen, — das ist recht eigentlich Werfeis Urprotest, den er diesmal gedämpft, im „Brief an einen Staatsmann" („Das Ziel", herausgegeben von Kurt Hiller, 1915) greller erklingen läßt. Diesen Protest lassen wir gelten. Der Künstler schafft nicht, um zu erziehen, überhaupt nicht „um zu", ... er mischt sich nicht mit bewußtem Willen in das Embryonalstadium seiner Werke. Aber wird der Künstler, der in einer Gemeinschaft oder in einem solchen Gemeinschaftswillen steht, nicht ganz unbewußt, ganz naturgemäß anders schaffen als der absichtlich oder unabsichtlich isolierte Desperado? Und hier wendet sich meine Kritik von Werfel ab, um ihren Stachel mit verdoppelter Wucht in die eigene Brust zu senken. Hätten wir eine solche lebendige menschliche zionistische Gemeinschaft, hätten wir zumindest allenthalben scharf umrissene Willensansätze (nicht geschriebene und gedruckte, sondern gelebte) zu ihr, so wäre es unmöglich, daß unsere Besten (und Werfel gehört zu ihnen) von uns gingen, um heimatlos ein erträumtes, unwirkliches, unrichtig gesehenes Christentum als Nomadenzelt über sich aufzurichten. Nicht Werfeis ist die Schuld, sondern unser, unser ist sie. Deshalb sollen Dokumente des geistigen Golus, wie Werfeis „Sendung", nicht zu bloßen Disputen auffordern, wiewohl auch Dispute weiterhelfen können. Aber Dispute allein? Die Sprache, so sagte ich gleich zu Anfang, ist ein stumpfes Instrument. Sie ist aber nicht das letzte, was uns zur Verfügung steht. (Ich fürchte allerdings, daß sie Kurt Hillers Letztes ist, — zumindest sehe ich keine Möglichkeit, auf seinem Wege zur Wirklichkeit vorzudringen. Doch vielleicht überrascht er uns noch einmal.) Werfeis Essay und die Zustimmung, die er zweifellos gerade unter jungen Juden finden wird, decken uns den ganzen Ernst der Lage auf. Es ist hohe Zeit, mit unserer Gemeinschaft Ernst zu machen. Vielleicht zeigt uns das Berliner „Volksheim" den Weg, auf dem wir Werfel die beste Antwort zu geben haben, eine Antwort, in die er selbst am allerfreudigsten mit einstimmen dürfte. An mannigfaltigen Versuchen fehlt es auch sonst nicht. Ost jüdischer Elan beginnt die Knochen