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Der Jude · 1917-02-01 · Heft 11 (Februar 1917) · p. 724

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 11 (Februar 1917)
Article
Franz Werfels "Christliche Sendung"
Date
1917-02-01
Page
724 (sequence 8)
Language
German
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724 Herman Glenn: des Westens zu durchdringen. Man sage nichts gegen die Knochen. Wir werden sie brauchen, als Gerüste. Aber vor allem möge der Anhauch, der Atem der Liebe stärker werden, damit das Werk („bald, in unseren Tagen") sichtbar werde! Prag Max Brod Nachbemerkung des Herausgebers Wir werden demnächst von Franz Werfel einen Aufsatz über seine Stellung zum Judentum bringen, die meiner Kenntnis nach ein starkes nationales Bekenntnis einschließt. WESTÖSTLICHES SEIN V Ahnlich den Gueusen zu Beginn der Neuzeit haben die geistigen Vorkämpfer „der jüdischen Nation den gegen sie verächtlich gerichteten Namen der Orientalen als Ehrenbezeichnung aufgenommen und seinem Klange eine tiefere Bedeutung zugewiesen, das alte ex Oriente lux mit neuem Stolze verbindend. Und wahrlich ist die Welt des Ostens unendlich mehr, als es dem auf seinen Fortschritt und auf seine ganze Lebensartung pochenden Durchschnittseuropäer zu dünken beliebt: nicht nur historisch-kulturell, sondern auch seelisch-absolut. Wie sich auf der irdischen Sphäre „das bißchen Europa" als „vorgeschobene Halbinsel Asiens" dem Auge bietet (Nietzsche), so hat in der Sphäre des Geistes dieses Europa gleichsam die Funktion des Gehirns gegenüber dem dunkleren Lebensodem und dem gewaltigeren Herzschlag des Orients übernommen. Die Entwicklung des europäischen Geistes ist glänzend und reich, vielseitig wechselnd und schnellebig, eigentlich nach Jahrzehnten zählend — diejenige des geistigen Ostens ist unsagbar viel langsamer und naturhafter, weitesten Räumen entsprungen und auf weiteste Zeiten angelegt. Diese Gefühle von beglückender endloser Ausdehnung in Raum und Zeit sind dem so ganz anders konzentriert und intensiv lebenden Europäer teils völlig fremd, teils nur spornende Sehnsucht. Dort im Orient aber ist die Wiege der ältesten Kultur und der größten Reiche, der größten Völker (auch der späteren europäischen, wogegen alle Scheingründe dilettierender Auchanthropologen nichts ausrichten werden) und der höchsten Religionen. Dort auf dem Boden des „heiligen Asiens" — wie noch Aischylos in Schauer und Anbetung sagt — erfolgte an den ionischen Gestaden die erste griechische Erweckung des abendländischen Geistes; dort entsproß dem Heiligen Lande jenes glühende Herz, vor dem das gesamte Europa später die Knie beugte — Das jüdische Volk hat seine orientalische Seinsart niemals verleugnet, seine östliche Heimat niemals vergessen: Traum und Verheißung knüpfen noch an die Erinnerung die unwandelbarsten Hoffnungen. Und doch weist das Judentum schon von frühe her einen seltsam tiefen Einschlag okzidentalen Wesens auf, und eine Sehnsucht nach Europa ist dem jüdischen Geiste seit dem Exil ureigen, ähnlich wie dem nordgebundenen deutschen Geiste seit der großen Völkerwanderung die Sehnsucht nach dem erlösenden Süden ureigen ist; gebend und empfangend, genießend und formend, geschichtlich bedeutsam auf alle Fälle.

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