Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1917)
- Article
- Franz Werfels "Christliche Sendung"
- Date
- 1917-02-01
- Page
- 722 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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722 Max Brod: sollst lieben den Ewigen, deinen Gott, mit deinem ganzen Herzen." Damit jedoch nicht zufrieden, das eigene Herz erweckt zu haben, drängt es den Aktivisten und gibt ihm keine Ruhe, auch die Herzen der anderen Menschen, aller aufzuwecken und (das ist das Politische, Weltliche an der Sache) bei dieser Erweckungsarbeit keine der materiellen Bedingungen, die diese Erweckung fördern könnten, zu vernachlässigen. Also im Notfall auch die von dir allzusehr verachtete Volkswirtschaft nicht! Denn dies erst ist die wahre Liebe, die nicht deshalb liebt, weil Liebe den Liebenden erlöst (das wäre egozentrisch), sondern weil Liebe den Geliebten erlöst. — „Du sagst, ich liebe dich, und weißt doch nicht, was mir fehlt. Liebtest du mich in Wahrheit, du würdest es wissen." So sprach ein betrunkener Bauer zum andern. Der große Sasower Rabbi aber, von dem Martin Buber diese sternüberglänzende Geschichte erzählt (im „Buch von den polnischen Juden"), bemerkt dazu: „Wie man die Menschen lieben soll, habe ich von einem Bauern gelernt." — Und hier sind wir erst beim Begriff der „jüdischen" Gemeinschaft angelangt, die sowohl alle fiktive abstrakte spirituale Gemeinschaft als auch alle noch so aufrichtige christliche Ich-Erlösung zu überragen verdient. 4- Ein Letztes. Wie Werfel das Ziel des Aktivismus unterschätzt, so unterschätzt er auch seine Mittel. „Sie wollen nun diese maßgebenden Mächte entthronen, indem sie durch die Mittel der Tat, besser gesagt, durch die Mittel der Politik, der Herrschaft der Guten und Geistigen zum Siege verhelfen. Zugegeben, das wäre möglich und die Geistigkeit gelangte zum Regime, sie würde verlacht und über Nacht gestürzt werden, denn das Bewußtsein der Menschheit, das sich zusammensetzt aus dem Bewußtsein der Geheim-, Hof- und Kommerzienräte, aus dem der Journalisten, der Millionen Fachleute und endlich aus der Stumpfheit der Zahl- und Namenlosen, dieses Bewußtsein könnte gar nicht den Geist ertragen. Welche Lehre ist nun vernünftiger, welche die neue Aktion zwischen den alten Kulissen agieren will, oder welche lieber das Chaos will als den alten Bestand?" (Werfel.) Es fällt auf, daß Werfel hier (im Gegensatz zu der eingangs zitierten Stelle) das Ziel des Aktivismus (Geistigkeit, — nicht „Glück") richtig angibt. Er entschädigt sich aber sofort, indem er jetzt wieder eine ganz falsche Vorstellung der Mittel verwendet. — Wie? Wir sollten die Absicht haben, inmitten der „alten Kulissen", inmitten der bisherigen Typen und Entartungserscheinungen gleichsam eine listige Geheimregierung, eine Oligarchie der „Geistigen" einzusetzen? Es sollte also unsere Verschwörung dahin gehen, die Menschen so handeln zu lassen, daß sie zwar glauben, ihren schmierigen Instinkten zu folgen, in Wahrheit aber, d. h. dem äußeren Effekt nach, ad majorem dei gloriam gute Werke verrichten? Betrogene Betrüger wären die „Untertanen" am Ende der Tage? Egozentrischer kann die Welterlösung nicht gedacht werden. Eine Masse von Schuften, gegängelt von ein paar verborgenen „Erlösungsaristokraten". — Wenn mich nicht alles trügt, hat hier das Christentum Werfel einen argen Streich gespielt. Er interpretiert die christliche Hierarchie, die dem Juden unbekannte Scheidung von „Laien" und „Priestern" („Ihr sollt mir sein ein Volk von Priestern", sagt Moses) in den hieran mindestens unschuldigen Aktivismus hinein!