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Der Jude · 1917-02-01 · Heft 11 (Februar 1917) · p. 721

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 11 (Februar 1917)
Article
Franz Werfels "Christliche Sendung"
Date
1917-02-01
Page
721 (sequence 5)
Language
German
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Franz Werf eis „Christliche Sendung*1 721 über den Tag hinaus. „Sorget nur für den heutigen Tag" war das Wort des Stifters. Und später galt alles Trachten so sehr dem Seelenheil, dem alleinseligmachenden Glauben, daß die Dinge dieser Welt daneben füglich zur Bedeutungslosigkeit herabsanken oder, gerade infolge ihrer Gleichgültigkeit, eine Wendung ins Asketische nahmen. Gerade im Christentum herrschte also jene „Abstraktion", die Werfel sehr schön und richtig als das Grund übel menschlicher Ethik bekämpft. Die Abstraktion einer in sich aus lauter gleichwertigen Bestandteilen zusammengesetzten „Menschheit" führte den unermüdlichen Paulus dazu, von allen realen Unterschieden der Menschen und Völker, die sich einer liebevollen, diesseitigen, jüdischen Betrachtung aufdrängen, einfach abzusehen und diesem Abstraktum „Menschheit" das^ Evangelium zu predigen, — statt in langsamer Arbeit die reale Einheit des Menschengeschlechts (wie sie dem Propheten Jesaja in seinen Visionen des Weltfriedens längst vorgeschwebt war) geduldig, schrittweise, allmählich, — kurz, aktivistisch verwirklichen, heraufführen zu helfen. Das Christentum ist eine geniale, aber abstrakte Antizipation eines vielleicht in ferner Zukunft möglichen Zustandes der erlösten, in sich geeinten Menschheit. Indem der Christ sein Ich erlöst, sich selbst in den Zustand möglichster Vollkommenheit bringt, glaubt er alles getan zu haben, was zur Herbeiführung dieses Zustandes nötig und möglich ist. In diesem Sinne ist also die christliche Gemeinschaft ein Beisammensein lauter einsamer, nur mit dem eigenen Seelenheil beschäftigter Menschen, ein Kollegium von Zellenbewohnern. Der innere Widerspruch in Werf eis Aufstellungen ist es gerade: daß er die Abstraktion, die Zerteilung der Welt in Leib und Seele, die Auseinanderschneidung der Realitäten mit angespanntester Energie bekämpft, mit einer Energie, die ich als das durchaus Jüdische an ihm empfinde, — daß er aber gleichzeitig die äußerste Abstraktion, nämlich die Loslösung des Ich aus der Gemeinschaft lebender Menschen, die Loslösung des Künstlers aus dem tätigen Leben, die Egozentrizität feiert* — Nebenbei bemerkt: wer fühlt hier nicht die verzweifelte Situation des mit seinem bessern Ich ringenden Golusjuden? Sein Gedankengang ist dabei: Niemand kann mehr tun, als sein Individuum auf die ihm erreichbare höchste Stufe der Vervollkommnung bringen. Es ist Lüge, Heuchelei, Abstraktion, von seinem Individuum absehen zu wollen. Es ist Weltfeindschaft. Bejahen wir unser Ich, gestehen wir uns diese Wahrheit, diese Realität ein, — so haben wir den ersten Schritt zu einem wesenhaften Leben gemacht. Sehr richtig, lieber Franz Werfel. . Aber ist nicht gerade die Einordnung in die wirkliche, nicht bloß in eine abstrakt-spirituale Gemeinschaft jene höchste Vervollkommnung, deren unser Ich fähig ist? Alle Worte haben einen doppelten Boden. So auch das vielmißbrauchte: „Gemeinschaft". Gewiß ist die Fiktion Gemeinschaft, die Gemeinschaft, die du in so heftigen Farben, Werfel, als Flucht vor Gott, als Bureaukratismus, als großinquisitorische Entseelung, als technisch-rationalen Fortschritt malst, unendlich tiefstehend und verworfen gegenüber dem ehrlich und in all seiner Tugend strahlenden Lebens erfühlten Ich. Gewiß, gewiß! Nun aber mißverstehst du den Aktivismus (zumindest den aller guten Zionisten, mehr noch: aller guten Juden, mehr noch: aller Guten), wenn du ihm die Formel ins Maul hängst: „Keine Sorge um dein Ich! Wirke!" Sondern an der Spitze jedes wahrhaften Aktivismus steht „die Erweckung der Herzen" (Achad Haam), steht unser Glaubensbekenntnis: „Du

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