Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1917)
- Article
- Franz Werfels "Christliche Sendung"
- Date
- 1917-02-01
- Page
- 720 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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720 Max Brod: dieses Ziel den Aktivisten zu. Ein schöner Aktivismus wäre das, den Werfeis Zeilen richtig charakterisierten: „Sie treiben die Menschen als Zahlen zusammen, sie helfen von der Höhe ihrer Bureaukratie herab, um ja nur die Verpflichtung loszuwerden, dem andern Menschenleben mit ihrem Menschenleben zu helfen." Franz Werfel, Freund, glaubst du im Ernste, daß dies es ist, was wir wollen oder was sich auch nur unbewußt unseren Bestrebungen (z. B. dem Zionismus) unterschieben könnte? Es scheint fast, als sei für Werfel Aktivismus das, was einem falsch gesteckten Ziel mit untauglichen Mitteln zustrebt. — Nebenbei und im Umriß bemerkt: Ich halte Hillers Ziel für richtig, sein Mittel (Zusammenschluß der Geistigen zu einer Art neuer Partei oder gar Nation, statt Vergeistigung der schon bestehenden, naturgewachsenen Nationen durch ihre Führer) für untauglich, weil ohne Basis des Lebens. Werfel charakterisiert also den Aktivismus falsch. Doch das ist unwesentlich, da er ja die falsche Werktätigkeit verwirft und die richtige Werktätigkeit, „die Erlösung des Bewußtseins und der Erkenntnis, die Erlösung von der Gesellschaftlichkeit zur Weltlichkeit, . . . identisch mit Geistigkeit" postuliert. Allerdings gibt er dieser richtigen Werktätigkeit den unrichtigen Namen „christlich". Für das Christentum jedoch kann niemals die Werktätigkeit im Zentrum stehn, weder die falsche materialisierende, noch die richtige ethisierende. Sie kann höchstens neben dem alleinseligmachenden Glauben, dem Anschauen Gottes, der beatitudo, dem „Der-Welt-entworden-Sein" usf. ein bescheidenes Nebenamt innehaben, indes sie als „Kiddusch Haschern" für das Judentum schlechthin Zentrum ist. Sagen es doch schon in kühnster Gottes- und Menschenliebe die „Sprüche der Väter": „Eine Stunde der Reue und guter Werke in dieser Welt ist besser als das ganze Jenseits." Freilich steht voran, um jede grobmaterielle Deutung auszuschließen: „Eine Stunde des Jenseits ist besser als die ganze diesseitige Welt (von Reue und guten Werken abgesehen)." 3- Ist somit Werfeis „christliche Mission" eigentlich eine „jüdische Mission"? Doch nicht ganz. Denn ein christliches Element erscheint allerdings in hervorragender Betonung in sein System (besser: in seine Gefühlswelt) eingeflochten, das ist: die Egozentrität. „Von allen Lehren, die der Welt gesendet wurden, ist die christliche vielleicht die einzige, die das Ich bis ins letzte bejaht." Gegen diese „Bejahung des Ich" stellt Werfel die bloß abstrakte, rechnungs- und ziffernmäßige „Organisation", die er als angebliches Ziel aktivistischer Politik (irrigerweise, wie schon ausgeführt) darlegen zu müssen glaubt. Man könnte nun einen Einwand machen, der aber bloße Dialektik wäre, indem man sagt: Gerade das Christentum hat seit jeher organisiert. Paulus war der Typus eines genialen Organisators. Das päpstliche Rom hat die Welt nicht anders beherrscht, als das Rom der Legionen es getan hat. Augustinus und die meisten Kirchenväter waren sehr tüchtige Gemeindehäupter. Die Reformatoren konnten es mit den geschicktesten Staatsmännern aufnehmen usf. Dieser Einwand verschleiert die Hauptschwierigkeit, die Eigenart des christlichen Organisierens. Gerade die christliche Organisation brachte nämlich niemals ganze Menschen mit Leib und Seele zu einer Gemeinschaft, sondern zielte von vornherein nur auf eine Gemeinschaft der Seelen allein ab. Schon die eschatologischen Hoffnungen der ersten Christen verhinderten ein eingehenderes Sorgen