Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1917)
- Article
- Franz Werfels "Christliche Sendung"
- Date
- 1917-02-01
- Page
- 719 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Franz Werf eis „Christliche Sendung" 719 2. Und hier ergibt sich schon, daß Werfel seine Einstellung zur Welt kaum mit Recht eine „christliche" nennen kann. Diesen Punkt kann ich nur andeutungsweise berühren. Gerade über das Wesen der christlichen Einstellung hoffe ich in einer größeren Arbeit, die ich vorbereite, mich näher auslassen zu können. Es kann auch nicht anders als ausführlich geschehen. Jede kurze Bemerkung öffnet tausend Einwände und führt irre. Zu diesen kurzen Bemerkungen gehört aber auch Werfeis seltsame Behauptung: „Alles Gerede von der Verneinung der Welt, die im Christentum enthalten sein soll, ist purer Unsinn." Man halte, wie schon erwähnt, dagegen, was Max Weber zumindest für einen ganz gewaltigen Teil des Christentums, für Luther, Calvin und ihre Anhänger, für die Quäker, Puritaner usf. einwandfrei festgestellt hat, was Sombart vom katholischen Thomas von Aquino und seiner Schule behauptet und was Scheler vom Katholizismus zwar fortschiebt, aber um so schwerer auf die Schultern des Protestantismus wälzt: — daß die Trennung von Seele und Leib, die Aufrichtung einer unübersteiglichen Scheidewand zwischen der Gnade Gottes und dem kreatürlichen Dasein (also gerade dem von Werfel mit Recht gepriesenen realen menschlich-wirklichen und für Gott zu eröffnenden Leben) das Werk der christlichen Einstellung ist, daß gerade hierdurch die Menschheit zur verzweifelten Wahnvorstellung, für ihre Versittlichung aus eigener Kraft nichts tun zu können, gedrängt und alle ihre seelische Energie in den gänzlich gnadenlosen „Beruf", in die „grenzenlose Arbeit", kurz in das Fluchgebäude der kapitalistisch entgotteten Welt hinabgestoßen worden ist. Mit viel größerem Recht kann jedenfalls die Durchdringung des Weltlichen mit Göttlichem als spezifisch „jüdisch", ja als Leitmotiv der „jüdischen" Religiosität angesehen werden. Der Gedanke der „Heiligung" des ganzen Daseins, gestützt auf das Bewußtsein der sittlichen Freiheit („Alles ist in der Hand Gottes, nur die Gottesfurcht nicht", heißt es im Talmud), kann ja aus dem Judentum gar nicht hinweggedacht werden. Dieser Gedanke der Freiheit kann in den Katholizismus gerade noch mit Mühe hineingedeutet, hineindistinguiert werden. Wie schwierig er sich mit der Grundposition des Christentums vereinen läßt (d. h. mit dem Gedanken, daß die Menschheit durch Christi Opfertod und das seither fortdauernde Heil erlöst worden ist und zu dieser Erlösung im Wesen nichts beizutragen hat — Gnadenwahl, Justificatio sola fide), das zeigt all der Scharfsinn, der seit den Scholastikern bis auf Möhler, Troeltsch und Scheler an dieses feingegliederte, kaum mehr mit einem Blick zu umfassende Problem gewendet worden ist. Luther hat mit einem tapferen Bekenntnis zur Einfachheit die paulinische Grundposition, die Verdammung der Werkheiligkeit, wiederhergestellt und damit freilich auch die Grundschwäche dieser Position. Auch Werfel verdammt Werkheiligkeit und Werkgerechtigkeit. Hier aber ist zu unterscheiden und auf das Allerschärfste zu unterscheiden, denn hier liegt die ärgste Gefahr. Man kann im „Werk" das falsche, weil heuchlerische, lediglich technischkonstruktive Mittel, das allzu niedrig gesteckte, grobmaterielle Ziel der „Menschheitsbeglückung", das Zeremoniell, die Organisation ohne richtige Intention verwerfen. Das tut Werfel mit Recht. Mit Unrecht schreibt er, wie schon gesagt,