Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1917)
- Article
- Franz Werfels "Christliche Sendung"
- Date
- 1917-02-01
- Page
- 718 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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7i8 Max Brod: Macht zu gewinnen, um das Glück aller Menschen und die Gerechtigkeit unter ihnen zu verwirklichen." — Hier stocke ich schon. „Das Glück" und „die Gerechtigkeit"? Sind das zwei beigeordnete Ideen? Steckt nicht im „Streben nach Glück" ein seit Bentham und andern englischen Moralisten in keiner neueren Ethik mehr aufgewärmtes eudämonistisches Ideal? Auch dann, wenn es sich um „das Glück aller Menschen" handelt? — „Ich frage aber nun, hat nicht jede Macht auf Erden dieses eudämonistische Ziel über sich, das Glück der Menschen befestigen zu wollen?" meint Werfel ausdrücklich ein paar Zeilen weiter und stellt damit den Aktivismus in eine Reihe mit den bisherigen politischen Mächten. Das ist rundweg unrichtig. Der Aktivismus, die Politik der Geistigen, kann niemals „Glück" zum letzten Ideal und Zielpunkt haben. Aktivismus kann nur „Geistigkeit, Wesenhaftigkeit aller Menschen" als Höchstes wollen oder, wie ich es für mich formuliert habe, — wollen, daß alle oder möglichst viele Menschen ein absolutes, ins Unendliche reichende, dem Unendlichen, unserem Gott, sich öffnendes, ein aufgeschlossenes Leben führen. — Hillers und noch öfter Heinrich Manns Darstellung lassen dieses Ziel freilich nicht immer deutlich genug erkennen. Der Aktivismus ist nicht einmal die besondere Statuierung dieses Zieles. Sondern dieses Ziel ist notwendigerweise das Ziel aller Ethik, die den Namen „Ethik" verdient. Aktivismus ist, wie schon sein Name andeutet, nur eine Methode, eine nach Hillers und nach vieler anderer (z. B. der Zionisten) Ansicht heute notwendige Methode, eine durchaus nicht neue, heute aber jedenfalls der Erneuerung bedürftige Methode zur Erreichung dieses Ziels. Konstatierung: Soweit sich Werf eis Kritik auf das Endziel des Aktivismus als ein eudämonistisches erstreckt, irrt sie. Irrt sie ganz unbegreiflich grob. Denn sonst wäre der Vergleich unseres Zieles mit dem Ziele des Großinquisitors in Dostojewskis „Brüder Karamasoff" gar nicht möglich. Was will dieser Großinquisitor? Er will durch materielle Güter, materiell gute, gesicherte Lebensordnung die Menschen einlullen, er will sie des Geistes entledigen, des Zweifels, der inneren Freiheit entleeren, um sie in aller Liebe zu behäbigen Philistertieren hinabzudrücken. Der Aktivismus will genau das Gegenteil: Vergeistigung, Durchdringung der Menschheit mit dem Göttlichen, „Durchsäuerung" der Menschheit, wie es Scheler einmal treffend genannt hat. Der Aktivismus will diese universale Vergeistigung natürlich selbst um den Preis materieller Opfer. Allen Wohlstand, alle Produktivität des Kapitalismus wollen wir opfern, um das ungeistige Joch des „Berufes", der „Arbeitspflicht" (das Prof. Max Weber so schön als Mittelpunktskraft des Kapitalismus und als Folgewirkung einer Varietät des christlichen Ethos aufgezeigt hat} von der Menschheit abzuschütteln. Nicht mehr Lohn, sondern vor allem mehr Zeit! — das wäre etwa zum Unterschied von der Sozialdemokratie und Gewerkschaftsbewegung unsere Devise für die arbeitenden Klassen. Mehr Lohn, mehr materiellen Wohlstand verlangen wir nur als notwendige Basis (man kann nicht Gott dienen, wenn einen das Taylorsystem zerstückelt hat), als „Minimalbedingung geistiger Befreiung", nur als Mittel, nicht als Endziel; oft nicht einmal als Mittel. Die Sorge um das weltliche Kleid der Seelen lehnen wir aber gerade deshalb nicht ab, weil wir eben jenes starke. Gefühl für die Realität, für die tatsächlichen Bedingtheiten und Verknüpfungen des leiblichgeistig-einen Menschen, weil wir jene „Weltlichkeit" haben, die Werfel ganz unbegründeterweise als christliche Kardinaltugend in Anspruch nimmt.