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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 10 (Januar 1917) · p. 699

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 10 (Januar 1917)
Article
Jüdische Volkslieder
Date
1917-01-01
Page
699 (sequence 9)
Language
German
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IRI
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Jüdische Volkslieder 699 ihm und sehen seinen unendlichen Jammer mit an, — wie er im tiefen Dunkel da liegt und unaufhörlich mit seinem „Duschenju" sich beschäftigt. Ich sagte: alle Nuancen von Geschehnissen, die zur Liebe, das heißt in den meisten Fällen zur unglücklichen Liebe gehören, sind im jüdischen Volkslied verwendet und ausgemalt. Hier in dem nun folgenden Liede verabschiedet sich der Verschmähte von seiner Geliebten, — wer könnte es sagen: Vielleicht zum zehnten Mal, denn er klagt sie grundloser Kälte an. Wie oft mag sie ihm die Zwecklosigkeit ihres Bündnisses klar gemacht haben! Ein gewöhnlicher, trauriger Vorgang: die lieblose Unterhaltung zweier Menschen, die einander nicht mehr verstehen, wird geschildert. Er versteht sie schon recht gut, aber ihr ist er fremd geworden, obwohl sie aus Mitleid sich ihm noch nicht gänzlich entzogen hat. — Das ist wiederum eine interessante Eigentümlichkeit des jüdischen Liebesliedes: nicht nur Abgeschlossenes wird besungen, sondern gerade die Zwischenstufen, im gemeinen Sinne die eigentliche sogenannte Liebe*', — all die Zerwürfnisse, all die Ernüchterungen und Erniedrigungen, die eben durch rasche Zuneigungen und ebenso rasche trübe Anwandlungen entstehen, — daß alles ist für das jüdische Liebeslied der besondere Nährboden. Sieh, Gott, was ist aus mir geworden. (Übertragung:) Ach, sieh, Gott, was aus mir geworden, Die Schmerzen, die mich betrübt! Meine süße Hoffnung hab ich verloren, Begraben in der Erde ganz tief. Ach, seh, Gott, wos vun mir is geworen, Die Schmerzen, wos hoben mir batribt! Main sissen Hoffenung hob ich verloren, Begroben in d'r Erd ganz tief. Ach, mit daine Reid die kalte Eckt mir main Leben ohn a Schi'r; Unsere Liebe is geglichen zu a Fiedel, a-n-alte, Die Strunes wos platzen in ihr. B'eiß bai dir wet Tnoim sain, Wet die Ssimche sain bai mir; Dann wet main Nschome in Himmel opfliehen Un machen a-n-Opbet far dir. B'eiß bai dir wet Chassene sain Un passen westu dain Chupe-Kleid, Dann wel ich liegen auf main Bett'l Un ranglen sich mit'n Teit. As du west dem ersten Kind hoben, A Nomen sollstu geben noch mir, — A-n-Andeinkung auf Johren sollstu hoben, As ich bin gestorben durch dir. Ach, mit deiner Rede der kalten Wirst du meinem Leben ein Ende bereiten; Unsere Liebe ist geglichen einer Fiedel, einer alten, Gesprungen sind schon ihre Saiten. Wenn bei dir wird Verlobung sein, Hab ich endlich ausgelitten, Dann wird meine Seele zum Himmel fliehen, Für dich um Verzeihung bitten. Wenn bei dir wird Hochzeit sein, Zum Anpassen wird man dein Traugewand bringen, Dann werde ich liegen auf meinem Bett Und mit dem Tode ringen. Wenn du das erste Kind wirst haben, Sollst du ihm meinen Namen geben, Ein Andenken sollst du für Jahre haben, Daß ich durch dich verloren mein Leben.

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