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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 10 (Januar 1917) · p. 698

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 10 (Januar 1917)
Article
Jüdische Volkslieder
Date
1917-01-01
Page
698 (sequence 8)
Language
German
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IRI
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698 Arno Nadel: Wird wiederum der Deutsche einmal subjektiv, so ist er ebenfalls gänzlich anders als der Jude, — selbst da noch ist er voller Sinnlichkeit und somit voller eigentlicher Lyrik. Ich kann mich nicht enthalten, das vielleicht schönste deutsche Volkslied dieser Art hierherzusetzen, um an einem einzigen Beispiel zu zeigen, wie das gute deutsche Volkslied noch als abgetrenntes Gedicht seinen hohen Wert behält, während das jüdische Volkslied im Grunde nur Zweck-Lied, nur lebendiges Lied ist und somit mehr wirkliches Volkslied ist als jedes andere. Das deutsche Liedchen (aus: „Des Knaben Wunderhorn") heißt: Wassersnot. Zu Koblenz auf der Brücken, Da lag ein tiefer Schnee, Der Schnee, der ist verschmolzen, Das Wasser fließt in See. Es fließt in Liebchens Garten, Da wohnet niemand drein, Ich kann da lange warten, Es wehen zwei Bäumelein. Die sehen mit den Kronen Noch aus dem Wasser grün, Mein Liebchen muß drin wohnen, Ich kann nicht zu ihr hin. Wenn Gott mich freundlich grüßet Aus blauer Luft und Tal, Aus diesem Flusse grüßet Mein Liebchen mich zumal. Sie geht nicht auf der Brücken, Da gehn viel schöne Fraun, Die tun mich viel anblicken, Ich mag die nicht anschaun. Das hat gewiß kein objektiver Dichter geschildert, das hat der völlig verstörte Liebende hervorgebracht. Bei einer großen Schneeschmelze ist sein Liebchen umgekommen. Er weiß sie nun im Flusse, da unter den zarten schwarzen Bäumchen, die wie verhext aus dem grünen Wasser hervorwehen. Von oben grüßt ihn Gott selbst und von unten sein totes Mädchen. Aber auch hier noch: wie viele sichtbare Dinge: eine Stadt, ein Brunnen, Schnee, Fluß, See, Bäume, Luft und Tal und mehr noch. Mit nachtwandlerischer Genauigkeit ist alles gesehen und aufgezeichnet, alles hellen, losen Auges, wie in leisem Fieber. Wie elementar dem gegenüber die jüdische Leidenschaft ist, das haben wir bereits aus früheren Liedern ersehen. Beide Arten Volkslieder sind eben von unvergleichlichem Reiz, man lernt die eine Art nur durch die andere kennen, keine ist besser, keine ist wertvoller, beide sind gut, beide sind wertvoll. Jene, die deutsche, durch ihre wundersame Lyrik, diese durch ihre herrliche Melodie und durch die Stärke, die in guten Stücken, wie zum Beispiel in den bereits mitgeteilten Liedern „Mein süßes Leben fährt dahin" und „Auf dem Meere bläst ein Wind" (Der Jude, Heft 9) schon im Worte in eigensten Ton sich verwandeln und den Leser mit dem leidenden impulsiven Sänger identifizieren. Kehren wir nun zu unserem Gefangenen zurück. Da ist noch, wie bereits angedeutet, auf die originelle Bildhaftigkeit hinzuweisen. Während die Volkssänger sonst im einzelnen wie im ganzen Bilder, Strophen und Teile aus Altem und Bekanntem hernehmen, entfährt dem Dichter unseres Liedes ein ganz ungewöhnlicher Vergleich: Wie einen goldenen Spiegel, der auf seinem Herzen ruht, sieht er die Liebste, — so hell, so herrlich leuchtete sie. Und nun ist der Spiegel zu Schatten geworden, zu seinem eigenen armen Schatten, — aber auch der wird ihm durch seine Enge und Finsternis verdeckt. Und in der letzten Strophe sind wir ganz bei

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