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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 10 (Januar 1917) · p. 697

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 10 (Januar 1917)
Article
Jüdische Volkslieder
Date
1917-01-01
Page
697 (sequence 7)
Language
German
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Jüdische Volkslieder 697 in seiner besonderen Nuance, und jede Nuance ist wichtig genug, — der germanische Dichter hat es bezüglich der Stoffwahl viel leichter, seine Motive sind faßlicher, gegenständlicher, lassen sich leichter abschreiben — um daraus ein neues Geschick zu bilden und zu verkünden. Da sehen wir so ein jüdisches Mädchen auf ihrem einsamen Lager in schlafloser Nacht ihr Elend besingen. Jeder soll es hören, soll ihr Leid kennen lernen, ganz wie es ist, als Warnung, als Rache. Alle, alle sollen es singen, nicht, daß die Welt, daß die Lust bereichert werde, sondern daß man lerne und sich in acht nehme: Ich werde ein Lied euch singen, Ich gönn ihr von ganzem Herzen, Das ich mir im Schlafe bedacht, Sie soll den falschen Jungen erkennen, Ich will euch ganz richtig erzählen, Hat sie ihn im Sinn, wie er ist, Wie einer seiner falschen Liebe ein Ende Dann wird ihr die Liebe schon brennen. gemacht. Qescjien^e 2U kaufen ver- Ich hab mich verliebt in einen Menschen, sprochen, Man find't ihn nach langem Wandern, Aber alles ist fort, ohne Wert; Und kaum ist er fort von mir, Es ist ein Mörder, ein Betrüger gekommen Weilt er schon bei einer andern. Und hat meinen Weg verstört. Er hat genommen meine Hand Und hat mir heilig geschworen, Er sagte, es kann nicht anders sein, Unsre Liebe geht nimmer verloren. Ginsburg und Marek, Nr. 213. — Das ist, wie die Verfasserin verspricht: ganz richtig erzählt. Es ist wieder wie in allem: im germanischen Volksliede der sichtbare Schöpferwille, im jüdischen das Ethos. Dort: mehr äußeres Gebäu, mehr Malerei, mehr Stofflichkeit, — mehr Kunst; hier: mehr Feuer und Fluß, mehr Gesang, mehr Metaphysik, — mehr Religion. Versucht es aber der Jude einmal objektiv darzustellen, dann versagt er bald, und selbst das Erzählte gibt er gern im Gegenwartston wieder. Sie sitzt sich im Fenster Leute mit den Zungen Und kämmt sich die Härlach. Tuen sie reden Für wen ist sie ausgelassen, Und ich mit meiner Rahel, Für mich ist sie ehrlich. Wir werden uns niemals scheiden. 0 weh, o Jammer, 0 weh, 0 Jammer — usw. 0 weh, o Klage, Nicht da ist die schöne Rahel Bis zum heutigen Tage. Ein Deutscher hätte gewiß gesungen: „Sie saß am Fenster Und kämmte sich die Härchen/* und „Leute mit den Zungen Täten sie reden. Er aber und sein Liebchen Sie mochten sich nimmer scheiden."

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