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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 10 (Januar 1917) · p. 696

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 10 (Januar 1917)
Article
Jüdische Volkslieder
Date
1917-01-01
Page
696 (sequence 6)
Language
German
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6g6 Arno Nadel: Gelegen bin ich auf main Nare, Gelegen in Mitt'n Nacht, Un wegen main Duschenje lieber Hob ich ohn Aufher getracht. Gelegen bin ich auf der Pritsche, Gelegen inmitten der Nacht, Und an mein liebes, liebes Seelchen Hab ich unendlich gedacht. Ginsburg und Marek, Nr. 145. — Dieses Lied zeigt einen wesentlichen Unterschied vom deutschen Volkslied und überhaupt eine spezifische Eigenart des jüdischen. Hier endlich wird einmal etwas richtig, fast richtig, möchte man sagen, erzählt. Das Lied klingt wie eine Ballade. Dennoch erfahren wir die Begebenheit nicht vom „Dichter", vom Sänger, der diese Begebenheit zu einem Liede verwendet, sondern vom leidenden Liebhaber selber. Ein Bursche hat, gewiß um seiner Liebe willen, ein Verbrechen verübt; heißt doch die zweite Zeile: „von der Liebe bin ich von der Erde gestört, von der Liebe bin ich krank geworden". Die Krankheit ist offenbar sein Verbrechen, seine böse Tat, und nicht sein augenblicklicher Zustand, denn er fährt im gleichen Sinne fort: „alle haben mich gelobt und geschätzt, welch eine Braut hab ich genommen!" (wie war ich ihrer würdig). Plötzlich aber kam das Furchtbare und man „nahm ihm den Kopt ab". Das ist nicht so zu verstehen, als hätte man ihn wegen eines Kardinalvergehens zu Tode verurteilt, sondern es ist nur symbolisch aufzufassen: man hat ihm sein Schicksal zerstört, man hat ihn — getötet. Auch ist die Ausdrucksweise, der folgenden merkwürdigen Bildhaftigkeit entsprechend, zwiefach aufzufassen: sein Kopf, das ist auch sein Glanz, sein Leben, — seine Braut, die man ihm nun geraubt hat, die man ihm nun unmöglich gemacht hat. Und da diese Tatsachen vom Leidenden erzählt werden, sind sie lückenhaft wiedergegeben, sind sie selbst noch mitten im Geschehen, ohne Schluß, sie sind: subjektiv mitgeteilt. Im deutschen und im germanischen Volksliede überhaupt sind die Geschehnisse objektiv mitgeteilt, so gut wie niemals vom Leidenden selbst, sondern, wie gesagt, vom gestaltenden Bildner, vom darüberstehenden Volkskünstler. „Ich weiß mir eine hübsche Gräserin" fängt der Dichter ein Lied an und besingt dann seine Heldin. „Es war einmal ein Edelknab", „Es hat sich ein Bauer ein schönes Töchterlein", „Zwei liebten sich aus reinem Sinn" und so fort und fort. Man braucht nicht erst unter deutschen Volksliedern zu suchen, sondern aufs Geratewohl abzuschreiben. Nun aber sehe man sich unter jüdischen Volksliedern nach solchen epischen Anfängen um. Da bekommen wir sofort, ebenfalls aufs Geratewohl, zu hören: „Verflucht soll sein die Liebe, die mich verirrt", „Weine nicht, Seelchen, weine nicht, Liebchen, ich schwör dir, ich hab dich wahrhaftig lieb", — man sieht: das ist nicht gedichtet, das ist richtig in leidenschaftlicher Erregung herausgesagt, und staunend fragen wir uns, auf welche Weise diese Explosionen, diese Herzlichkeiten sich als Lieder erhalten konnten. Die Wahrheit ist so: der deutsche Volksdichter, das heißt der künstlerisch begeisterte Volksmann überdenkt das Gehörte und Erlauschte und versucht es zu Gedichten zu kondensieren, um es zu befestigen, um es dauerhaft zu machen — es solle nichts verloren gehen in der Welt. Daher die größere formale Kunst in diesen Liedern. Der jüdische Sänger hingegen brütet über seine Herzensdinge und singt im Brüten sein Schicksal vor der horchenden toten Umwelt, nicht um das Gesungene zu erhalten, sondern, um es von sich zu wälzen, um sich davon zu befreien. Alle jüdischen Liebeslieder sind Gelegenheitsdichtungen im Goethischen Sinne. Jedes Liebeslied ist passiert, ist passiert

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