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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 10 (Januar 1917) · p. 695

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 10 (Januar 1917)
Article
Jüdische Volkslieder
Date
1917-01-01
Page
695 (sequence 5)
Language
German
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IRI
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Jüdische Volkslieder 695 Merkmal des Volksliedes, namentlich des altdeutschen, ist. Sind doch die Sammlungen der jüdischen Volkslieder die ersten ihrer Art und mein Versuch, sie zu analysieren ein eigentlich subjektiver und kein philologischer. Nur ein solcher wird über viele wichtige Dinge Aufklärung schaffen. — Das Liedchen ist Fragment, ich habe durch Anbringung der vierten Zeile am Schlüsse eine Ergänzung versucht. Ein charakteristisches Stückchen für die schreiende Drastik des jüdischen Volksliedes ist das Liedchen: Schön bist du. Schein binstu, binstu, Wie die ganze Welt; Nur ein Chissor'n is on dir — Wos du binst ohn a Kopike Geld. Geld is doch kailechdig, Geld geiht awek; Ich hob sich in dir aingeliebt, Wie in a schainem Porträt! In draußen is a Regen, Alle Steiner sainen naß; Itztige Bochurim is zu gleiben, Wie di Hind af'n Gaß. (Übertragung:) Schön bist du, schön bist du, Wie die ganze Welt, Nur ein Fehler ist an dir: Du hast keinen Pfennig Geld. Geld ist rund, Geld ist rund, Rollt so rasch und wild, Ich habe mich in dich verliebt, Wie in ein schönes Bild. Da draußen ist ein Regen, Die Steine sind so naß, Den heutigen Männern ist zu traun, Wie den Hunden auf der Gaß. Ginsburg und Marek, Nr. 141. — Die ersten beiden Strophen spricht der Jüngling, die letzte erwidert dem „Liebenden" das Mädchen, das, im Tiefsten verletzt, die Häßlichkeit und Schlechtigkeit der Männer wie ein Naturding hinnimmt. Der Ge Wer es hot nur ausgeklärt, Wer es weiß nur vun dem Zorn, — Vun der Liebe bin ich vun der Erd gestert, Vun der Liebe bin ich krank geworn! Alle hoben mich geleibt un geschätzt, Wos fir ain Kaie ich hob genummen, — Plutzlung hot men mich in Tfisse gesetzt Un main Kop aropgenummen! Dos goldene Spiegel, wos auf main Herzen gelegen, Wie lichtig is sie mir gewen: Plutzlung is main Spiegele zu schotten geworen, Un ich kenn schoin main Schatten nit sehn! angene. (Übertragung:) Wer hätt es jemals nur erklärt, Wer wüßte nur von solchem Zorn, Die Liebe hat mir meine Erde zerstört, Von der Liebe bin ich krank geworden. Alle haben mich gelobt und geschätzt, Welch eine Braut hab ich bekommen! Plötzlich hat man mich ins Gefängnis gesetzt Und den Kopf mir heruntergenommen. Der goldene Spiegel, der auf meinem Herzen gelegen, — Wie leuchtete sie mir so sehr! Plötzlich ist mein Spiegel zu Schatten geworden, Und ich finde meinen Schatten nicht mehr.

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