Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1917-01-01 · Heft 10 (Januar 1917) · p. 694

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 10 (Januar 1917)
Article
Jüdische Volkslieder
Date
1917-01-01
Page
694 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3101111-3101112-8875893-3101472--0966-3101550
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

694 Arno Nadel: Krank, Dusches-Leben, bin ich gelegen, Binstu zu mir nit gekummen: Haint seh ich, main lieb-Leben, As du hast schener's un besser's bekummen. Krank, Seele mein, bin ich gelegen, Bist du zu mir nicht gekommen, Heut seh ich es klar, mein liebes Leben, Du hast Schönres und Bessres bekommen. Schener's und besseres, main lieb-Leben, Schönres und Bessres, du mein süß Leben, Is gor nito af der Welt! Ist nicht mehr da auf der Welt! Haint seh ich, main siss-Leben, Heut seh ich es klar, mein süßes Leben, As du liebst mir nor far main Geld! Du liebtest mich nur um mein Geld. Ginsburg und Marek, Nr. 144. — An diesem Liede ist die Wirrnis vieler Volkslieder, die Sprunghaftigkeit, die auf den Leser nicht achtet, und die keinen geringen Reiz des Volksliedes bedeutet, zu erkennen. Ein wohlhabender Jüngling ist von einem Mädchen geliebt worden. Das Mädchen hat dann einen andern, weil er reicher war, wahrscheinlicher weil sie ihn echter geliebt, erwählt oder geheiratet. Das ist aus der letzten Strophe zu ersehen, die im ersten Moment wie aus Mädchenmund klingt. Richtig aber spricht diese Strophe der Jüngling, der seine Liebe über alles Schönere und Bessere setzt. Dann, nur dann — (Übertragung:) Geih ich mir zu dem Brunnen Wasser Geh ich zum Brunnen, um Wasser zu arausziehn, ziehen, Steiht dort a Meidele — ich kenn sie nit Steht dort ein Mädchen, ich kann sie bekummen. nicht kriegen. Chap a Bär vun Wald und lernt ehm aus Fang im Wald einen Bären und lehre ihn schraiben schreiben, Ot damolst, damolst westu mainer blai- Sieh, dann, nur dann wirst du Meiner ben! bleiben. Neih mir aus sieben Hemder ohn Laiwind Näh mir aus sieben Hemden ohn Leinun ohn Said, wand und Seide, Mach mir sieben Wiegen ohn Holz un Stelle her sieben Wiegen, ohne Holz und ohn Gezaig, Schneide, Chap mir aus vun Jam die Fisch, un in Fang im Meer mir die Fische, daß sie den- Jam soll sei blaiben, noch drin sich zeigen, Mach mir asa Leiter, —1 zu dem Himmel Mach mir so eine Leiter, — die zum Hirnsoll er staigen. mel kann steigen, Sieh, dann, nur dann wirst du Meiner bleiben. Ginsburg und Marek, Nr. 147. — Auffälliger noch ist die Verwicklung in diesem sonderbaren, wahrscheinlich sehr alten Liedchen. Der Jüngling beklagt sein Geschick, weil er das Mädchen, in das er beim Brunnen sich auf den ersten Blick verliebt hat, nicht bekommen kann. Plötzlich aber fängt das Mädchen an, die Unmöglichkeit der Verbindung darzustellen. Vielleicht ist hier eine Strophe ausgelassen, vielleicht auch nicht, wie ja die Zwiesprache überhaupt ein charakteristisches

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.