Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1917)
- Article
- Max Brods Weg zum Leben
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 689 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Max Brods Weg zum Leben 689 sieht und hört und rechnet; ihm ist nichts Menschliches fremd. Aber er sieht nicht nur um zu gestalten; er hört nicht nur um zu forschen; berechnet nicht nur um zu gewinnen. Er ist kein Spezialist, der abseits steht. Er ist ein Mensch, der mittendrin sein Leben lebt, und den es darum drängt, zu fördern und zu helfen, in seinem Sinn das Msnschenchaos zu gestalten. Aus Einzelzügen leuchtet sein wundervolles Menschentum; man steht in innigster Ergriffenheit vor dieses Mannes bewegter Tätigkeit. Er lenkt verantwortungsbewußt den großen Troß um sich herum: die zahlreiche Familie, die Gehilfen, das Gesinde. Er baut und reißt ein; er macht Verse und entwirft ein Gemälde. Er hält es mit den Großen dieser Erde, um materiell sein Forschen zu fundieren. Zu diesem schwierigen Geschäft kommt noch das peinliche, mit ihren Kreaturen sich herumzuschlagen. Um diesen höchst aktiven, andauernd abgelenkten und andauernd neu sich konzentrierenden Mann ist nichts, dem nicht sein tätiges Interesse gälte. Er geht an nichts vorbei und deshalb wird ihm nichts leicht. Überall sieht er, wo es zu tun, zu helfen gibt, und überall legt er mit Hand an, überall ist er am Werk. Nicht kampflos und selbstverständlich wickelt dies sich ab. Er spürt in sich den Zwiespalt zwischen dem klaren ordnenden Verstand, der seine Forscherarbeit tut, und dem leidenschaftlichen Bewegtsein von allem und in allem, das ihn von seiner wissenschaftlichen Höhe herabzieht und doch wieder darüber hinausführt. Deshalb ist in ihm ein unablässiges Ringen um den Weg. Deshalb kommt er niemals zur Ruhe und hat Stunden fürchterlichen Verzagtseins, aus denen ihn die Anspannung innerster Kraft erst wieder emporreißen muß. Und in das Leben dieses nie vollendeten, weitumspannenden Mannes tritt nun ein Kepler, will sagen: ein Abgeschlossener und Fertiger, der um den einen Punkt in dumpfer Unbewußtheit kreist. Ihm wird alles leicht, weil er an allem vorbeigeht. Er wird durch nichts abgelenkt, weil er zusieht und gewähren läßt. Was Tycho unter tausend Störungen und mit tausend Mühen nur erreicht, fällt jenem wie von Gott gegeben in den Schoß. Er sieht vor dessen selbstverständlicher Existenz sich selbst in Frage gestellt, steht voll Bewunderung vor dieser ihm fremden und ewig unerreichbaren Art. Wie jener will auch er sein, will es sich leichter machen und doch wie jener zum Ergebnis kommen. Einst hatte Walder sich gemüht, aus seiner Leere nur einen Punkt zu greifen, sich daran zu klammern; jetzt müht ein Tycho sich, aus seiner Fülle auf einen einzigen Punkt sich zu beschränken; ergebnislos wie jener. Doch er taucht nicht sich selbst bezweifelnd in das Dunkel, sondern steigt bejahend auf zum Licht. Wie Kepler wollte er sein, und da er es versucht, lernt er bewußt, ihn überwinden. Was dumpf und dunkel treibend in ihm wirkt, tritt in die Helle des Bewußtseins. Tycho lernt, daß forschend und gestaltend abseits stehen, nicht in dem Strudel aller Dinge gehemmt und fortgetrieben werden — daß dies nicht höherstehend, daß es ein Mangel ist. Er lernt mit Stolz zu jenen sich gehörig fühlen, deren Los es ist, verantwortlich am Werk zu sein, sich zu entscheiden. Die tiefe Religiosität seiner Natur bricht sich Bahn. Er fühlt in die Zusammenhänge sich hineingestellt, fühlt sich getrieben, ordnend um sich her zu wirken. Er kann nicht lässig warten, kann nicht von drüben zusehen, daß Gott schon für die Seinen sorgen werde, wenn man nur bieder und rechtschaffen seines Weges ginge. Unbewußt war immer das Gefühl in ihm, daß das der Sinn des Lebens sei: Gott den Weg zu bahnen durch die Tat. War er durch Kepler irre an sich selbst geworden; durch ihn und gegen ihn Htft io. *8