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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 10 (Januar 1917) · p. 688

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 10 (Januar 1917)
Article
Max Brods Weg zum Leben
Date
1917-01-01
Page
688 (sequence 5)
Language
German
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688 Gustav Krojanker: nicht für ihn der Fall seit jener Zeit sich kompliziert, da er über seinen „Mittelpunkt** eine einfache, aber heute nicht mehr zutreffende Erklärung abgab? Ich variiere der Deutlichkeit wegen durch Einsetzung eines anderen Beispiels einen (vorher nicht zitierten) Satz jenes Briefes: „Ich interessiere mich auch für das jüdische Volk nur literarisch. Kommt einer und predigt mir, daß man als ehrlicher und ethisch gerichteter Jude sich mit allen Kräften für Erhaltung und Erneuerung seines Judentums einzusetzen habe — so werde ich nicht umhin können, die seltsame Haarformierung und Frisur etwa dieses Sprechenden in erster Linie, als Hauptsache zu beobachten und im Geiste unwillkürlich die treffendsten Worte und Vergleiche dafür zu setzen." Kann das heute noch rechtens stehen? Und wenn ich vom Dichter nichts weiter wüßte als dies: daß er den Arnold Beer geschrieben hat, der am Sterbelager seiner Großmutter in erschütternder Weise den Zusammenhang fühlt, sich zurückfindet und einreiht — es wäre hinreichend, zu wissen, daß er heute solchen Bescheid nicht mehr geben könnte. Wenn das wirklich so ist, eröffnet sich ein Zwiespalt. Ein Mittelpunkt verschiebt sich, ohne zunächst ins Gleichgewicht zu kommen. Denn wenn dies das Wesen des Künstlers ist: daß er über den Dingen steht; daß sie in ihm sind, aber er nicht in ihnen; daß er sie künstlerisch nutzt, ohne menschlich mit ihnen zu sein: wohin soll er dann sich wenden, wenn eines Tages menschlichste Liebe — und nur die kann es bewirken —■ ihn zu seinem Volke führt. Etwas reißt ihn mit und etwas hält ihn zurück. Der noch eben beobachtete und gestaltete, steht plötzlich selbst auf der Bühne, um mitzuagieren. Aber je bewegter sein Spiel, desto matter die Beobachtung. Je schärfer diese, desto schlaffer die Bewegung. Wie da sich helfen? Wie dieses Problemes Lösung finden? 4- Und wieder verleiht der Dichter dem Problem, das ihn erfüllt, Gestalt. Aus einem Menschenschicksal ringt sich die Frage; in einem Menschenschicksal liegt auch die Antwort. . . . Einst hieß er Nornepygge und war es doch nicht ganz — eben weil er sich selbst gestalten konnte, weil er doch noch in einem Punkte sich verankert sah. Jetzt nimmt er diesen in einem und nur in einem Punkte Ruhenden, läßt ihn wandeln und nennt ihn Kepler. Auch dieser — wie jener Walder — mehr Idee als Mensch, sonst aber sein Gegenstück. Nach dem Mann ohne Mittelpunkt wird einer gezeichnet, der nur Mittelpunkt ist; nach dem Mann ohne Motor einer, der nur auf eine einzige Art des Antriebes reagiert. Dieser Kepler ist in seiner Wissenschaft beschlossen; alles in ihm bezieht sich auf sie; um sie kreist alles in ihm. Außerhalb ihrer sinkt er zum Scheinwesen herab; außerhalb ihrer sich einzustellen, fehlt ihm die Möglichkeit, da Kopf und Herz auf eines nur sich restlos verbrauchen und konzentrieren. Einst hieß er Nornepygge und war es doch nicht ganz . . . Jetzt heißt er Kepler und ist es schon nicht mehr. Da er ihn gestaltet, hat er ihn längst überwunden. Jetzt kann er nur als Gegenpart noch dienen, an dem in Tycho Brahe die Frage sich entzündet und über den unendlich hoch hinaus in Tycho Brahe auch die Antwort liegt. Auch dieser Tycho ein Wissenschaftler von Weltruf, aber zu groß in seinem Menschentum, um nur aus diesem einen Punkt heraus zu leben, in ihm sich zu erschöpfen. Der Literat sieht nur die Haarformierung eines von höheren Dingen Sprechenden; der Gelehrte hört nur das Gesprochene, sofern es sein Gebiet betrifft; der Kaufmann rechnet, welchen Nutzen das Gespräch ihm bringt. Der Tycho aber

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