Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1917)
- Article
- Max Brods Weg zum Leben
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 690 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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690 Gustav Krojanker: Max Brods Weg zum Leben findet er nun zurück. An dem Bewegtsein hatte er gelitten, da es von scheinbar Höherem ihn abzulenken kam. Und seine Klugheit in des Lebens kleinen Fragen war ihm verleidet, da ihm geschienen hatte, als ob zu eigennützigem Zweck er sie mißbrauche. Nun wird er seiner selbst bewußt. Und da er sich dabei bejaht, für die Seite seines Wesens sich entscheidet, in deren Dienst sein ordnender Verstand im großen, im kleinen Klugheit nun zu treten habe, wird aus dem Zwiespalt Einheit; ein Ausgleich steht am Schluß. Am Schluß steht auch die ragende Gestalt des hohen Rabbi Low zu Prag. Was tastend schon in Tycho sich bereitet hatte, faßt er zusammen. Er weist das Ziel aus seinem Judentum heraus. Am Schlüsse wird verkündet, daß Tychos schwerer Kampf und gutes Ende der tiefsten Wesenheit des Judentums entspricht. Was an lebendiger Kraft im Judentum sich mühte, hat stets denselben Weg zu Gott gefunden. Wann immer Juden um den Weg zuinnerst rangen, am Schluß tönt immer wieder dies (mit Buber): „Gottes Angesicht ruht unsichtbar im Block der Welt; es muß hervorgeholt, herausgemeißelt werden." 5. Dem Leben fern, nur durch sein Literatentum verknüpft, irrt jemand ziellos und steht abseits. Und leugnet doch, daß er von drüben zusieht, will das Zusehen selbst zum Lebensakt erheben. Nicht lügnerisch, denn noch griff nichts so tief in ihn hinein, das andre Ufer hinzustellen, vor dem dies Jenseits fahl verblassen müßte. Bis eines Tages dem formenden Verstand ein Gegenpart entsteht, bis aus dem Blute eine Liebe spricht, die alles Frühere zusammenwirft. Nun heißt es, sich entscheiden, heißt, zwischen zwei geliebten Dingen, die im Kampfe stehen, den Ausgleich finden. Kein Weg führt mehr zurück, nachdem einmal die Leidenschaft bewegten Bluts gesprochen hat. Unmöglich zu verharren, wenn einer innerst Kämpfer ist. Der Weg, der vorwärts weist, ist gar nicht leicht. Auf ihm liegt die Entscheidung, die Bejahung heißt. Er tut auch diesen Schritt, der fast im Anfang wie ein Opfer erscheint, der aber dann zum höchsten Ziele führt, wo in der Wonne des Dabeiseins, im tiefen Ernst, verantwortlich zu sein, sich einfügt, was entgegensteht, das Widerstreitende sich eint. {|gh Dies ist der Weg Max Brods. Nicht jeder kann ihn gehen, auch nicht, nachdem er ihm gewiesen ist. Zu solcher Größe führt Höheres als Einsicht ist. Aber das Werk dieses Mannes rage als Vorbild. Es bleibt in seiner Gesamtheit ein Aufruf zu tätigem Geist. Aber einer, der es nicht nötig hat, Wissenschaft und Kunst geräuschvoll zu beschimpfen, um das Ethos der Weltverbesserung zu proklamieren; der nicht vage ein Universalprogramm zurechtzuschustern braucht. Denn diesen Aufruf hat einer geschrieben, der die Einheit von Künstler- und Menschentum für sich selber hergestellt hat und der sich so eingereiht weiß, daß er den Punkt nicht mehr zu suchen braucht, wo er seinerseits mit der Arbeit für Weltverbesserung einzusetzen hat. Und nur hierin liegt die Gewähr, daß aus gedruckten Sätzen lebendige Tat wird. Z.Z.Schwedt a. 0. Gustav Krojanker