Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1917)
- Article
- Max Brods Weg zum Leben
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 687 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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Max Brods Weg zum Leben 687 3« Wenn Walder Nornepygge der Ausgang war, wenn Tycho Brahe der (vorläufige) Endpunkt ist — dann steht Arnold Beer in der Mitte. Dieser Arnold ist rasch gezeichnet. Geistreich ist er und viel bewundert; einer, der alles kann und nichts vollendet; einer, der trotz seiner reichen Gaben innerlich leer ist, weil er nicht weiß, wohin sich wenden, wo sich verankern, um vom festen Grunde zu festem Ziele zu streben und zu wirken. Auch einer, der spöttelnd und überschauend nebenherläuft, sich überall versucht und nirgends mittun kann. Aber ihm gelingt es, sich eines Tages einzureihen, eines Tages den Weg zu finden, der — weit zwar noch vom Ziel — doch schon in seine Richtung weist. Er erkennt sich als Juden und begreift sich als Mitglied einer Gemeinschaft, durch die seine Art und damit sein Schicksal bestimmt ist. Der sich als glänzendes Einzelwesen fühlt, erfaßt sich tiefer, begreift sich als einen unter vielen. Seinen Mangel an Konzentration zu wirkender Kraft nimmt er schicksalgegeben und gottgewollt; bleibt bei dieser Erkenntnis stehen und beschließt folgerichtig, seinen Reichtum in Brocken zu zerstreuen. Keinen Schritt weiter. Er geht hin und wird Journalist Mag der Dichter in diesem Buche kleiner sein, der Mensch ist dem Problem näher gekommen. Den Nornepygge hatte der Dichter in sich gefühlt und eines Tages nach Dichterart aus sich herausgestellt; hatte ihn außer sich wandeln machen und damit von ihm befreit. Hat er sich wirklich von ihm befreit? Er war tatsächlich mit dem Problem nicht fertig. Deshalb hat er noch einmal und noch tiefer in sich hineingegriffen und siehe, dem Walder folgte als zweite Geburt Arnold Beer, sein jüngerer Bruder. Schon Äußerlichkeiten sagen genug. Nach Nornepygges phantastischem Namen klingt es aus „Arnold Beer" von dieser, von unserer Welt. Das Buch hätte des Untertitels „Schicksal eines Juden", es hätte der Zeichnung eines europäisch frisierten Rassejünglings auf dem Titelblatt nicht mehr bedurft. Der Walder war im Dichter, ohne daß er ihn hätte einreihen können: er geht sein Schattendasein durch Dichterland. Diesen Arnold aber fand der Dichter, nachdem er inzwischen sich selbst einreihen gelernt, sich selbst blutgebunden als einer Gemeinschaft Teil begriffen hatte. Und was er nun gibt, ist kein neues Motiv, ist die Variation eines alten, das aber diesmal unter uns erklingt. Es ist derselbe Typ: aber diesmal nicht entworfen nach dem Muster reiner Idee, sondern aus der Wirklichkeit genommen mit ihren Gebundenheiten, mit all den Ablenkungen und Brechungen durch das Tatsächliche. Walders endlose Irrfahrten in erdachtem Milieu finden sich hier auf wenigen Seiten, auf dem Boden der Wirklichkeit. Aber im Ausgang scheiden sie voneinander: der eine geht hin, seinem Leben ein Ende zu setzen, weil er nicht leben kann. Der andere macht aus dieser Tatsache einen Beruf. Beider Ausgang läßt gleichermaßen unbefriedigt. Man begrüßt zwar den Schritt vorwärts, Arnolds ehrliche Selbsterkenntnis und Eingliederung, aber man bedauert lebhaft, daß er dabei stehen geblieben ist, daß er den nächsten Schritt nicht getan hat, der darin bestanden hätte, sich der Gemeinschaft, der er sich zugehörig fühlt, nun auch tatsächlich anzuschließen und im Wirken für sie und in ihr den vermißten Mittelpunkt zu finden. Arnold Beer ruhe in Frieden. Durch ihn legt der Dichter Zeugnis ab von vollzogener Eingliederung. Arnold Beer hat sich damit begnügt, aber Arnold Beer ist nicht Max Brod. Müssen nicht für ihn neue und schwerere Kämpfe entstehen, hat