Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1917)
- Article
- Max Brods Weg zum Leben
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 686 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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686 Gustav Krojanker: losen Bewegung sich hoffnungslos müde fühlt — geht er hin und erhängt sich in dem hochgelegenen Arbeitsraum, dessen Fenster Ausblicke gestatten nach allen vier Winden. Hier ist einer seinen Weg gegangen in schauriger Einsamkeit; nicht nur losgelöst von jeglicher Gemeinschaft, sondern losgelöst vom Leben überhaupt. Immerhin: Walder Nornepygge ist kein Mensch von Fleisch und Blut; so wenig wie jener Köhlergeselle im Hauffschen Märchen, der sein pochendes blutendes Herz für eines von Stein hergegeben hat. Walder Nornepygge ist so ein Köhlergeselle unserer Zeit, der für Trieb und kraftvolles Wollen lähmende Erkenntnis hat eintauschen müssen. Die Reinheit und Ungemischtheit der Gestalt ist Dichters Werk; der Typ selbst lebt unter uns; ist letztes Ergebnis einer alten, müden, hochgezüchteten Rasse. Aus der Glut und Kraft des Ahnen mit seiner einseitigen Verbohrtheit wurde die alles verstehende, lebensunfähige Klugheit des Enkels. Ich schließe erschüttert das Buch und spüre die kaum erst überwundene Gefahr; raffe gewaltsam mich auf aus dem Bann und denke der jungen starken Kräfte, die mich Skeptizismus und Müdigkeit überwinden lehrten. Habe ich sie nicht mehr als einmal jubelnd gespürt, da ich die Richtung fand, die Klugheit nimmer gefunden hätte, in der höhere Kräfte mich vorwärts treiben? Von der Wirklichkeit unerreicht steht Dichters Gestaltung. Es gibt Abstufungen im Typ, gibt eine Rettung. Da ich dies noch denke, geht meine Frage erschrocken nach dem Autor. Der dies schrieb, wie stark muß der in sich selbst jenes Typs Gewalt gefühlt, welche Kämpfe muß der durchfochten haben, wenn er sie den Leser noch so unmittelbar fühlen macht. Ich erschrecke: ja, gewiß wird er selbst, nachdem er sein ganzes Leid in Gestaltung niedergelegt hat, den Weg seines Helden gehen. Aber keine Zeitung bringt Nachricht von solchem Ereignis. Da das Problem mir nicht Ruhe läßt, frage ich bei ihm selbst nach dem Grunde solcher Unterlassung an. Schon wenig später habe ich die Antwort in Händen, aus der ich folgendes wörtlich wiedergebe: ,,Ich bin Literat. Man wird sich doch endlich angewöhnen müssen, die Literatur als eine vollgültige, alles umfassende Weltanschauung anzusehen. . . . Der Schriftsteller hat seine ihm eigentümliche Art, die Dinge zu sehen, er sieht eben das Literarische an ihnen, also das künstlerisch Beschreibenswerte. . . . Hierdurch gerät er allerdings in den üblen Verdacht, zu ironisieren, d, h. von den Dingen nicht ergriffen zu sein. Ganz falsch: er ist in seiner Art ergriffen, literarisch ergriffen von ihnen. . . . Ich gestehe . . . mit Stolz, ich bin Literat. . . . Dieses Gejammer über die , Lebensschwäche des Künstlers', über die Minderwertigkeit der Literatur gegenüber dem Leben* . . . möge endlich aufhören! Warum sich der Literatur schämen? Sie ist ein Mittelpunkt, nicht schwächer als Erotik oder Demagogie oder Wissenschaft. Ich schäme mich nicht, ich freue mich der Literatur."*) Eigentlich hätte ich mir das denken, hätte dieses schriftlichen Beleges entraten können, mich seinen „Mittelpunkt** finden zu lassen. Hierdurch also ist er im Leben verankert: daß er seine Schmerzen benennen kann; daß es ihm gegeben ist, sein Leid durch die Wonnen des Wortes zu mildern; so weit zu mildern, daß er Stunden hat, in denen er seinem Literatentum einen im Grunde doch nicht zugestandenen Platz einräumt. Das dachte ich damals. Heute muß ich denken: welch ein Weg von diesem Kepler-Geständnis zu Tycho Brahes wundervoller Menschengröße. *) „Höhere Welten" von Max Brod. Aus dem ,.Pan".