Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1917)
- Article
- Max Brods Weg zum Leben
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 685 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Max Brods Weg zum Leben 685 Wir alle gehen kämpferisch und bewußt den Weg, dessen Ziel unser Blut uns vorgezeichnet hat. Und dankbar ergreifen wir auf diesem Wege, was Größere gedacht, erlebt und geformt haben. Nicht weil sie uns damit die Mühe eigenen Ringens abnähmen, sondern weil sie unsere Fähigkeiten steigern, indem sie uns reicher und sicherer machen. Wißt ihr noch, wie wir aus dem Konzertsaal traten? Um uns das gleichgültig verhallende Geschwafel der Menge; in uns aber der Rhythmus genossener Musik, der uns über alle Hemmnisse unseres Weges wie mit spielerischer Kraft zu tragen schien. Ein Gelöbnis auf unser Ziel lag in solchen Minuten; ein Aufgepeitscht- und Vorwärtsgetriebenwerden zu Tat und Mitarbeit. Wenn noch Musik beseligend uns treibt, am Werk zu sein, kann dann — bei aller Freude an Form und Schönheit — die Gefahr versinkenden Genießertums in des Wortes Bewußtheit liegen? Hier erst recht wird uns alles Führer auf dem Wege zum Ziel und ein Ruf zu schaffender Tat. 2. Ich will von drei Büchern heute sprechen, die wie kaum andere geschaffen sind, Führer durch eigene Nöte zu sein; wie kaum andere geeignet, in Fragen zu helfen, die nur allzuviele von uns quälen. Ich schrieb vor Jahren in anderem Zusammenhange einmal dies: „. . . und plötzlich denkt man an den Narren im Schauspiel. Da toben die Leidenschaften: Haß und Blindheit, Liebe und Verkennen . .. Der Narr aber geht als geistreicher Glossator neben dem Schauspiel her. Er durchschaut alles; er sieht klar durch Blindheit, Blödheit, Verkennen, Haß. Und witzelnd steht er über dem Gewoge. Steht er wirklich darüber? Trotz alledem verläßt ihn seine Narrensehnsucht nicht. Das ist die Sehnsucht, mitzutun. Einmal verrannt zu sein wie jene; einmal blöd verliebt zu sein wie jene; einmal in wildem Hasse aufzulodern . . . statt der furchtbarsten Erkennntis, daß eigentlich immer beide Parteien recht haben. Einmal nur mitzutun —- das ist Narrensehnsucht." Ein Zufall spielte mir darauf „Schloß Nornepygge" in die Hand, und im Lesen wird fast schon Vergangenes wieder lebendig. Was nur Gedanke war, gewinnt Gestalt. Mein Narr heißt Walder Nornepygge und wandelt leibhaftig von Dichters Gnaden. Man liest die erschütternde Tragödie eines Mannes, dem es versagt ist, zu leben, weil ihm ein Mittelpunkt fehlt. Er sieht die bewegten Menschlein um sich herum und weiß nicht, was sie bewegt. Der Brennpunkt fehlt ihm, von dem all unser Tun als ein Strahlen ausgeht und auf den alles Empfangene wundervoll sich zurückbezieht. Und doch will er das Schauspiel mitagieren und müht sich darum auf vielerlei Art. Keine Maske läßt er unversucht, um auch seinerseits ein Verhältnis zum Leben zu haben. Er müht sich als Familienvater und als Don Juan, als Wissenschaftler und als Geschäftsmann, als vieles andere noch. Und doch bleibt ihm alles nur Maske. Er ist nie leidvoll und freudvoll dabei, sondern immer nur leidvoll außerhalb. Diesem Erkenner ohne Motor ist es nicht gegeben, in seliger Ungerechtigkeit zu leben und zu wirken, in wonnevollem Verkennen mit am Werk zu sein. Wer wie er seine Frau in flagranti ertappt und hier noch tatenlos sich zurückzieht, weil er begreift, wie recht im Grunde ihm gegenüber Verführte und Verführer haben — der hat den Standpunkt außerhalb der Welt und kann sie gerade deshalb nicht aus den Angeln heben. Und da alles erprobt ist, seinem Wege die Richtung zu geben, da er der direktions-