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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 10 (Januar 1917) · p. 683

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 10 (Januar 1917)
Article
Grundlagen des Nationaljudentums
Date
1917-01-01
Page
683 (sequence 7)
Language
German
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Grundlagen des Nationaljudentums 683 typus in allen anderen Ländern übertrifft und als Ausgeburt nationaler Verkommenheit eine ethisch und ästhetisch geradezu erschreckende Mißgestalt darstellt. Auch abgesehen von der Naturkraft der Assimilation, die von dem gleichfalls natürlichen Hindernis der Differenz der Kulturstufen nur aufgehalten und nicht aufgehoben werden kann, ist ja dieses Hindernis an und für sich im Verschwinden, insofern die Wirts Völker in kulturellem Aufstieg und unsere sittliche Kultur mit dem Zusammenbruch unserer Religionsverfassung im Rückgang begriffen ist. Wir gelangen nun zur Schlußfolgerung: Das Geheimnis des zweitausendjährigen Bestehens einer exterritorialen jüdischen Wirklichkeit ist das Geheimnis der jüdischen Religion. Unsere zähflüssige Gesetzesverfassung in ihrer Formenfülle und ihren Umzäunungen hat uns auch außerhalb der normalen Nationalgrenzen in Absonderung erhalten und in der Zerstreuung als Einheit gebunden: als Volk im Volke, als Staat im Staate. Sobald diese sondernde und einende Kraft versiegt, verlieren wir unser exiliaristisches Staatswesen, unsere Enklave, unser Heim auf fremder Scholle und damit jeden nationalen Halt im Völkergetriebe. Die Zerstörung unserer Religionsverfassung ist die Zerstörung unseres drittes Hauses, unseres Hauses im Galuth. Der zurückbleibende von Gesetzesschwere befreite und ins Allmenschliche verfliegende Geist des Judentums ist nicht mehr national gemeinschaftsbildend; er flattert in fremden Gebilden umher und wirkt nur noch als Gespenst. Noch schleppen wir mühsam unsere sonderliche Existenz im Galuth, aber mit welchen Kräften? Kraft der letzten Reserven unserer Religion im Ostjudentum, das für die Gesamtjudenheit der Neuzeit gleichsam das nationale Rückgrat bildet, und kraft des Beharrungsvermögens als Trägheit. Diese positiven Faktoren werden von negativen Momenten unterstützt, die jedoch nur Annexe und Begleiterscheinungen des Noch-Positiven, Noch-Treibenden sind und auch mit ihm verschwinden. Das Judentum hat also im Galuth keinen Bestand mehr. Ist es nicht der Anblick des Verfalls, den uns die von den jüdischen Religionsgesetzen und den nicht jüdischen Ausnahmegesetzen emanzipierte Judenheit bietet? Was ist noch heute das moderne Judentum? Ein Zerrbild, ein Flickwerk, eine Farce. Bestenfalls ist es ein schmerzvolles Nachzittern des Gewesenen, wenn nicht bloß ein starres Symbol des Einst; oder es ist die Manifestierung eines Wollens, die Vorwegnahme einer Zukunft, wenn nicht bloß ein tatenloses Sehnen und Wünschen. Was aber bedeutet noch der Istbestand des modernen Judentums als Volksvermögen, als Kapital nationaler Kräfte bewertet? Darf die dünne jüdische Übertünchung einer fremdnationalen tiefen Kulturschicht als Judesein bezeichnet werden? Ist es nicht vielmehr ein Unrecht, daß sie, Reliquie oder Zutat, den Namen: Judentum führt? Ist nicht dieser seines Inhalts entleerte Name eine Entweihung und eine Schmähung des Judentums? . Oder kann die auch noch so reuevolle Beichte moderner Zwiespältigkeit und Zerrissenheit als wirkliche Abkehr vom Unjüdischen und Ruckehr zum Jüdischen angesehen werden? Und darf etwa jenes schöngeistige Bekennen moderner Literaten, die dem Judentum entrückt sich im Pathos der Distanz

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