Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1917)
- Article
- Grundlagen des Nationaljudentums
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 682 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3101111-3101112-8875893-3101470--0951-3101538- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
682 Jakob Klatzkin: nung in den Kulturfortschritt setzen, daß uns dieses Recht nicht mehr geschmälert werden wird und die Gebenden mit ihrer Gabe nicht mehr geizen werden. Die Empfänger werden sich sicherlich beeilen, von diesem Recht ausgiebigen Gebrauch zu machen. Ist doch dieses Recht auch eine Verpflichtung. Im Grunde genommen, sind die Judenverfolgungen und der Widerwille der Nationen gegen unsere Annäherung nur eine Rückwirkung unseres nationalen Seins. Je mehr sich unser nationales Gesicht verwischt, um so freundlicher wird man gegen uns; je mehr wir an unseren nationalen Gütern einbüßen und verarmen, desto geneigter wird man, uns zu assimilieren. Die Judenverfolgungen und der Widerwille der Völker gegen unsere Angliederung sind immer gute Zeichen und fast ein Barometer für die lebendige Kraft des Judentums; sie bezeugen ja, daß unser Organismus als Fremdkörper noch nicht hinreichend zerstört ist, um in seiner Umwelt keinen Widerstand mehr auszulösen. Sie sind Folgen unserer Sonderart; Folgen aber, die auf ihre Ursache eine Rückwirkung ausüben. Mit dem Wegfall der primären Ursache, der inneren Kraft unserer Galuth-Existenz, werden auch diese Folgen beseitigt, die zu sekundären Ursachen und zur Stütze ihres Ursprungs geworden sind. Freilich haben unsere Feinde einen Anteil an der Erhaltung eines modernen Judentums in der Diaspora; groß ist ihr Anteil an der Eindämmung der Assimilationsflut. Freilich werden wir, mit Herzl zu sprechen, von unserem gemeinsamen Feind als Nation zusammengehalten. Man darf jedoch die reflexive Ursache nicht mit der effektiven verwechseln. Woher stammt diese Feindschaft, die uns zusammenhält? Sie ist ja nur eine Begleiterscheinung unseres völkischen Zusammenhalts. Der gemeinsame Feind ist Beweis und nicht Grund für unsere nationale Gemeinsamkeit; ist deren Folge, die auf ihre Ursachen zurückwirkt und unser Gemeinschaftsgefühl steigert. Sobald aber die innere Bindung und Einheit unseres Sonderlebens locker werden, wird in gleichem Maße der nationalen Feindschaft der Boden entzogen — und der äußere, verinnerlichend rückwirkende Zusammenhalt durch den gemeinsamen Feind ist selbst haltlos. Nun ist es die Religionsverfassung, in der die Exil-Judenheit ihre Bindung und Einheit hat. Und unsere ReligionsVerfassung geht in die Brüche. Wir müssen noch einen Faktor berücksichtigen, der den Zersetzungsprozeß des modernen Judentums zuweilen verlangsamt. Unsere intellektuelle und sittliche Überlegenheit gegenüber dem Kulturniveau des Wirtsvolkes war und ist noch in manchen Ländern ein Hindernis für unsere Assimilierung. Diese Hemmung ist in der Natur des Menschen begründet, die die Tendenz des Aufstiegs und nicht des Abstiegs hat. Aber gerade diese Erwägung lehrt uns, wie entscheidend die Naturkraft der Assimilation ist, daß sie auch dieses natürliche Hindernis überwindet. Die jüdische Assimilation in Rußland beweist es zur Genüge. Wie viele Stufen muß der Jude kulturell hinabsteigen, um sich dem russischen Volk zu assimilieren. Und dennoch, er tut es; er steigt ziemlich rasch hinab und assimiliert sich» Schon hat der verhältnismäßig noch sehr junge Assimilationsprozeß in diesem kulturarmen Lande es fertiggebracht, das sittliche Kulturniveau eines ansehnlichen Teiles unseres Volkes tief herabzudrücken und eine Generation großzuziehen, die an Entartung unseren Assimilations-