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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 10 (Januar 1917) · p. 681

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 10 (Januar 1917)
Article
Grundlagen des Nationaljudentums
Date
1917-01-01
Page
681 (sequence 5)
Language
German
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Grundlagen des Nationaljudentums 681 Es fällt einer sittlichen Natur nicht gerade leicht, aus dem Lager der Unrechtleidenden in das Lager der Unrechttuenden überzutreten. Würde dieses Unrecht aufhören, so würde der Austritt und der Übertritt von vielen moralischen Hemmungen befreit werden und ohne störende Gewissensbisse erfolgen können. Wahrlich, unsere Feinde haben viel zur Stärkung des Judentums in der Diaspora beigetragen. Unsere Freunde, die Liberalen aller Schattierungen, haben diese negativen Momente unserer Lebenszähigkeit längst erkannt und verwerfen die Abschnürungen, die Begrenzungen, die uns vom Landesvolke trennen, unser Anderssein stählen und einen jüdischen Nationalismus hervorrufen. Sie fordern für uns Gleichstellung mit dem Landesvolke, die allein imstande sei, jede Scheidewand zwischen uns und ihm zu beseitigen und unser Aufgehen in ihm zu ermöglichen. Und die Erfahrung lehrt, daß die Liberalen es besser als die Antisemiten verstanden haben, uns als Volk zu vernichten. Die Emanzipierung von den Sondergesetzen hat sich als Emanzipierung vom Judentum, vom nationalen Sondersein bewährt. Ich möchte es nicht sagen und darf es nicht verschweigen: ich befürchte, daß die Aufhebung des jüdischen Ansiedlungsrayons im Zentrum des Galuth die Aufhebung unserer letzten nationalen Konzentration, unseres letzten nationalen Bezirks sein würde. Ich befürchte, daß die Stunde, da wir über diese Lösung der Judenfrage freudig aufjauchzen werden, die Stunde einer neuen Ära für das Wachstum der Assimilation sein würde. So will es unser Schicksal im Exil: was uns hier als Einzelmenschen unser Wohl bedeutet, ist uns als Nation gar oft unser Weh. Können nun diese negativen Faktoren die Erhaltung des Judentums im Galuth gewährleisten? Können wir in ihnen Vertrauen zu unserer Zukunft fassen? zu einer Existenz also, die vom Bestehen des Antisemitismus, des Widerstandes gegen unsere Verschmelzung, abhängig ist? Solange die jüdische Religion stark war und unsere Absonderung schützte, konnte es den Wirtsvölkern nicht gelingen, uns durch Taufe zur Vermischung zu zwingen und zu vernichten; sind die Scheidewände und Umzäunungen unserer Religion gefallen, so kann es den Wirtsvölkern nicht gelingen, uns zur Abgeschlossenheit zu zwingen und gewaltsam zu erhalten. All die Not-, Noch-, Pietäts- und Trotzjuden sind bedingte Juden, und diese Bedingung ist nicht von Dauer. Die Weigerung der Nationen, uns zu assimilieren, wird mit dem Fortschreiten der Kultur immer schwächer. Mit der Gewährung von Gleichberechtigung wird uns auch das Recht auf Assimilation gegeben; nur machen die Gewährenden noch gewisse Vorbehalte und lassen uns nicht dieses Recht voll genießen, wie sie auch mit den anderen uns zugestandenen Rechten verfahren. Aber je fortgeschrittener, desto geneigter werden sie, uns volle Gleichheit der Rechte zuzubilligen — und mit diesen Rechten auch das Recht zur Assimilierung, das vielmehr eine Vorbedingung für die Gleichberechtigung ist und mithin nicht ein Recht, sondern eine Verpflichtung darstellt. Werden wir im Zentrum der Galuth-Judenheit, in Rußland, die erstrebte Gleichstellung erlangen, so werden *vir mit ihr auch dort das Recht auf Assimilation erhalten; und man darf die Hoff-

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